May 25, 2012
W.A.S.T.E. Revisited.Walk

// ein algorithmischer Textspaziergang mit BookCrossing kombiniert

Abb. ECKE 07. »Die fröhlichen Kinderspiele, die sich hier abgespielt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen.« Foto: Jan Mendzigall

W.A.S.T.E. Revisited.Walk (Textergebnisse). Datum: 10.05.2012. Start: 18:00 Uhr, Filmwerkstatt Düsseldorf. Algorithmus: wiederhole [2te links, 1te rechts, 2te links]. Beim Revisited.Walk wurde keine Textkartei zur Beschreibung der abgelaufenen Ecken mitgenommen, sondern bei BookCrossing registrierte Bücher. An jeder Ecke, an der laut Algorithmus abzubiegen war, wurde eins der Bücher freigelassen. Zur Beschreibung der Ecke wurde eine Textstelle aus dem dort freizulassenden Buch herausgesucht und entsprechend umgeschrieben. Hinter den Links mit den Buchtiteln verbirgt sich jeweils eine Freilassnotiz bei BookCrossing mit dem originalen Wortlaut der adaptierten Textstelle.

ECKE 01. BIRKENSTR. / WETTERSTR. 18:15 UHR. Die Baustelle bildete den Mittelpunkt der kleinen Kreuzung. Links war ein mit Jalousien verrammeltes Café, rechts befanden sich ein griechisches Schnellrestaurant, eine Trinkhalle und ein An- und Verkaufladen. Zwischen den Bauzäunen stand ein Bagger mit einer kolossalen Gabelstaplergabel herum. Alles sah spannungsgeladen und abwartend aus, überall lag der Anpfiff in der Luft. Am Schild einer Haltestelle wartete eine Mutter mit ihrem Kind auf die Straßenbahn in der Majestät ihrer erhabenen Fußballinteresselosigkeit, während auf der anderen Straßenseite eine Frau mit blauer Plastiktüte flüsternd in ihr Handy tratschte. 18:25 UHR. (Die Entdeckung des Himmels)

ECKE 02. WETTERSTR. / LINDENSTR. 18:27 UHR. Nach abgearbeiteter erster Ecke ließ sich das W.A.S.T.E.-Revisited-Team auf der Bank gegenüber der Kneipe Tönnchen nieder. Sie blätterten in Achtung! Vorurteile und sprachen über Gott und die Welt. Irgendwann landeten sie bei Fußball. Nicht ereifernd wie die Fans, eher akademisch, wie man bei einem Textspaziergang über anstehende Sportereignisse abstrahierend redet. Es ließ sich also nicht vermeiden, dass aus dem Munde eines W.A.S.T.E.-Mannes das Wort »1. FC Bayern München« auf die Pflastersteine fiel. Im Nu erstarb an den Biertischen gegenüber das Gespräch. Es wurde unheimlich still. 18:38 UHR. (Achtung! Vorurteile)

ECKE 03. LINDENSTR. / DOROTHEENSTR. 18:46 UHR. Ohne ihre Textvorlage wären sie hilflos gewesen. Auf dieser Kreuzung war alles Inspirierende weit zurückgedrängt worden. Als sie das bemerkten, wurde ihnen schummrig vor Augen. Sie öffneten das Buch und ließen ihre Stirnen auf den Text sinken. Schließlich richteten sie sich wieder auf und betrachteten erneut diese abgrundtief öde Kreuzung. Die obere Leiste des Werbeschilds der Grünen an dem Verteilerkasten wirkte wie ein günstiger Releaseort. Aber trotzdem waren die Anspielungen darin fantasielos und wenig erheiternd. 18:49 UHR. (Weil ich gern lese)

ECKE 04. DOROTHEENSTR. / GRAFENBERGER ALLEE. 18:54 UHR. Irgendwo wirbt ein graphisch explizites Plakat für Bikini Tops, die gerade 4,95 € kosten, eine Tüte eingeschweißter Fertigbaguettes liegt auf einem grünen Stadtmülleimer wie vergessen und nicht abgeholt, die Altglascontainer sind hier wie es aussieht von Sonnenschirmen der Deutschen Bank vor glaszersetzendem Elektrosmog geschützt. Im Haltestellenbereich der Straßenbahn befinden sich die Wartenden im Zustand ihrer alltäglichen Routine. W.A.S.T.E. ließ Sushi in Bombay auf dem Gepäckträger eines an Pollerketten angschlossenen Mietfahrrads frei, auf dem »I [Windmühle] Düsseldorf« steht. 19:00 UHR. (Sushi in Bombay)

ECKE 05. GRAFENBERGER ALLE / ACHENBACHSTR. 19:01 UHR. Wahrscheinlich wollten diese Häuser den modernen Zauber entfalten: verspielte Balkons, rundgestutze Baumkronen, viel Funktionalistisches und riesige posterartige Fensterscheiben mit ihren sehr eindrucksvollen Spiegelungen. Nach links schloss jemand ein Damenrad an einen Schildermast, in dessen Gepäckträgerkorb jetzt auch die Nürburg-Papiere freigelassen wurden. 19:06 UHR. (Die Nürburg-Papiere)

ECKE 06. ACHENBACHSTR. / SCHUMANNSTR. 19:14 UHR. Die Bäume schauten grün auf den Asphalt herab. Überall flogen Erinnerungen herum oder klebten in kleinen Andeutungen an den Fassaden. Ein  W.A.S.T.E.-Spaziergänger fing einen Fetzen auf. In diesem Fall ging es um eine ganz gewöhnliche Serie aus den 80ern. Aber die anderen wussten kaum etwas davon. Sie wurden nachdenklich. Wie wäre es, wenn sich jeder Wunsch einfach erfüllen würde und man dafür bloß auf sein Lachen verzichten müsste? Aber dann schlich sich eine andere Wahrnehmung ein. Wenn sie nicht das Fahrrad gesehen hätten, wäre Der Teufel holt sie alle niemals in diesem Gepäckträgerkorb gelandet. 19:17 UHR. (Der Teufel holt sie alle)

ECKE 07. SCHUMANNSTR. / UHLANDSTR. 19:23 UHR. Auf dem Hof regte sich nichts. Die fröhlichen Kinderspiele, die sich hier abgespielt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Geruch schöner Kindheitserinnerungen schlug ihm entgegen, als der den Spielplatz durch die Hecke betrat. Er stellte den einzigen Stuhl im Hof zurecht, um darauf die Kalte Hölle zu platzieren. Über ihm ragte die dicht mit Efeu bewachsene Häuserwand in den warmen Abendhimmel.  Während er den Geräuschen lauschte, malte er sich aus, wie es wohl gewesen wäre, in diesem Haus hier aufgewachsen zu sein. 19:29 UHR. (Kalte Hölle)

ECKE 08. UHLANDSTR. / GRAFENBERGER ALLEE. 19:32 UHR. Langsam kehrte das W.A.S.T.E.-Team zur Grafenberger Allee zurück. Das Fußballspiel war angepfiffen worden und selbst die große Kreuzung beinah menschenleer. Durch die Fenster der Häuser brauste Torjubel auf. Sie fanden sich an einem kleinen Fischrestaurant ein, wo sie sich draußen an einen ungedeckten Tisch setzten. Der Wirtin gefiel das nicht, und sie bat sie unfreundlich, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Sie brachte ihnen Bier und Wasser hinaus. Bei der Eingangstür des Restaurants stand ein kleines buntes Kinderkarussell. Oh, sagten sie, wenn wir doch darauf eine Runde drehen könnten! Wieder waren ihre Gedanken voller Kindheit. Sie saßen, tranken und unterhielten sich. Eine Stunde verging. Gegenüber gab die Konstruktion einer Fassade ihnen Rätsel auf, … 20:28 UHR. (Narziß und Goldmund)

ECKE 09. GRAFENBERGER ALLEE / BIRKENSTR. 20:28 UHR. Auch wenn das Design des Sofas, das an dieser Ecke stand, nicht dem Geschmack der W.A.S.T.E.-Truppe entsprach und die Altglascontainer die Atmosphäre zerbrachen, einer Wohnzimmerstimmung waren sie hier näher als irgendwo sonst in den Straßen von Düsseldorf. Sie setzten sich und blätterten in Zonenkinder, woraufhin die beiden Passantinnen sie lachend fragten, ob sie ihnen eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen vorbei bringen sollen, beinahe so, als seien sie ihre Mütter. 20:36 UHR. (Zonenkinder)

ECKE 10. BIRKENSTR. / ACKERSTR. 20:41 UHR. So deutlich sahen sie den tristen Vorhof des leerstehenden Hauses vor sich, dass sie ihn Stein für Stein beschreiben konnten.  Hinter die Fensterscheiben waren Plastikfolien geklebt, die Falten wie eine zerknautschte Lederjacke warfen, das Fenster daneben war undurchsichtig und so weiß wie Milch. Zerknülltes Papier, das etwas Müllartiges an sich hatte, lag verstreut umher. Ein niedriges Klinkermäuerchen trennte den von wilden Sträuchern umwucherten Platz von der Straße. Darauf platzierten sie das KiWi Lesebuch, das wie ein kleines Geschenk ins Auge sprang; es gab darin Geschichten, Gedichte, … 20:47 UHR. (Das KiWi Lesebuch)

ECKE 11. ACKERSTR. / LINDENSTR. 20:50 UHR. Das Café Pechmarie hatte noch Tische vor der Tür. Es gab rote Windlichter, Sitzkissen, nach Hopfen und Malz riechendes Tannzäpfle Bier, stilles Wasser oder Wasser das noch sprudelte, Wein, Schnaps, Cocktails, alle Arten von Salzgebäck, das für genüssliches Knabbern erforderlich war. … Dann führte der Algorithmus sie zu einem kleinen, hell erleuchteten Häuschen, das eine veraltende Kulturtechnik aufrecht erhielt. Vieles an dieser Telefonzelle war anrührend anachronistisch, doch hier und da gab es Argumente, sie nicht sofort abzureißen. Obwohl sie nach Smartphonemaßstäben nutzlos aussah, hob sie sich von der Umgebung ab, als sei sie der beste Ort für den Medicus. 21:32 UHR (Der Medicus)

ECKE 12. LINDENSTR. / WETTERSTR. 21:34 UHR. Inzwischen war ihnen diese Ecke so vertraut, dass sie sie sogar im Dunkeln sofort erkannten. Da war das Tönnchen und die Bank, auf der sie vor drei Stunden das Buch Achtung! Vorurteile freigelassen hatten, das jetzt nicht mehr da war, wodurch sie ihrer Meinung nach zum idealen Ort für den Abschluss des W.A.S.T.E. Revisited.Walks aussah; mit einer Hand legten sie Hell’s Kitchen auf die Bank und veröffentlichten die Releasenote mit der anderen. Sie gingen glücklich nach Hause, um den selten runden Verlauf ihres algorithmischen Spaziergangs für die Nachwelt festzuhalten. 21:38 UHR. (Hell’s Kitchen)

Informationen über die Ausstellung, die der Anlass für den W.A.S.T.E Revisited.Walk gewesen ist, sind bei Umordnung unter W.A.S.T.E. Revisited zu finden.

/// Diese Dokumentation wurde am 10.05.2012 mit 37 Abbildungen unter textwalk.posterous.com/pages/revisitedwalk ins Netz gestellt.

May 5, 2012
W.A.S.T.E. Revisited

// eine Dokumentation für die Ausstellung Video Site II - 04.05. bis 11.05.2012 in der Filmwerkstatt Düsseldorf

Abb. Die W.A.S.T.E. Kartei im Einsatz. Foto: Johannes Henseler

Am 05.02.2009 liefen 68 junge Leute algorithmisch durch Düsseldorf. Dabei haben sie jede Kreuzung, an der sie abgebogen sind, beschrieben, indem sie Textfragmente aus einer Textbausteinkartei kombinierten und durch das Austauschen einiger Wörter an die jeweilige Situation anpassten. Die entstandenen Texte wurden von Hand auf Postkarten festgehalten.

W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience - war ein Workshop im Rahmen des Seminars Medienkunstmomente (WS 08/09, FHD FB Design) unter der Leitung von Thomas Goldstrasz. Das Projekt wird für die Ausstellung Video Site II erstmals umfassend und nachvollziehbar dokumentert. Das bietet sich an, denn mit W.A.S.T.E. sind wir Dingen auf der Spur gewesen, die genau das Interesse von Video Site II treffen. Die algorithmischen Spaziergänge, die wir gelaufen sind, gehen auf die situationistische Technik des Umherschweifens zurück. Und mit dem Umherschweifen hatten die Situationisten nichts anderes im Sinn, als Strategien der Rückeroberung selbstbestimmteren Wahrnehmens und Erlebens städtischer Phänomene zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gerade nämlich, indem man sich selbstbestimmt einem Algorithmus unterwirft, um die Stadt zu durchwandern, gelingt es, sich von seinem alltäglichen Wahrnehmungstrott zu lösen und offen zu sein für neue Beobachtungen. Wenn man dann darüber hinaus dazu angehalten ist, Texte herzustellen, um die Beobachtungen festzuhalten, ist selbstbestimmtes Augen aufmachen geradezu vorprogrammiert…

W.A.S.T.E. war eine vielschichtige Aktion, weshalb sich die Dokumentation bei Posterous in verschiedene Themenbereiche gliedert, die sich nach den dort benutzten Tags sortieren lassen:

» W.A.S.T.E. Algorithmen erklärt die Art, wie spazieren gegangen wurde. Es wird die psychogeografische Umherschweiftechnik namens dot.walk vorgestellt und erklärt, wie wir sie eingesetzt haben.

» W.A.S.T.E. Kartei erklärt die halbautomatische Textherstellungskomponente des Projekts. Sie geht auf das Ideenmagazin von Heinrich von Kleist zurück. Wie? Das wird gezeigt.

» W.A.S.T.E. Probeläufe beschreiben unsere ersten Gehversuche, algorithmisch mit einer Textkartei spazieren zu gehen.

» W.A.S.T.E. Logo ist die Kategorie für unsere Hintergrundgeschichte und unsere formal postialischen Konventionen.

» W.A.S.E. Map dokumentiert den Weg, den wir am 05.02.2009 - mehr oder minder streng - algorithmisch zurückgelegt haben und wecken hoffentlich das Interesse, es einmal selber auszuprobieren.

» W.A.S.T.E. Texte führt zum Archiv unserer Stadt- und Situationsbeschreibungen, die wir mit Hilfe unserer Textkartei - mehr oder minder textgetreu - hergestellt haben.

Es ist nicht nötig, beim Stöbern in W.A.S.T.E. revisited eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, sich selbstbestimmt einen Weg durch diese Geschichte zu bahnen. Bitte schweifen Sie umher! // Thomas Goldstrasz

Einen Aufsatz über den situationistischen Hintergrund des algorithmischen Umherschweifens gibt es bei Umordnung unter: W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience.

/// W.A.S.T.E. revisited wurde am 04.05.2012 unter textwalk.posterous.com ins Netz gestellt. Anlass war die Ausstellung Video Site II in der Filmwerkstatt Düsseldorf.