May 5, 2012
W.A.S.T.E. Revisited

// eine Dokumentation für die Ausstellung Video Site II - 04.05. bis 11.05.2012 in der Filmwerkstatt Düsseldorf

Abb. Die W.A.S.T.E. Kartei im Einsatz. Foto: Johannes Henseler

Am 05.02.2009 liefen 68 junge Leute algorithmisch durch Düsseldorf. Dabei haben sie jede Kreuzung, an der sie abgebogen sind, beschrieben, indem sie Textfragmente aus einer Textbausteinkartei kombinierten und durch das Austauschen einiger Wörter an die jeweilige Situation anpassten. Die entstandenen Texte wurden von Hand auf Postkarten festgehalten.

W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience - war ein Workshop im Rahmen des Seminars Medienkunstmomente (WS 08/09, FHD FB Design) unter der Leitung von Thomas Goldstrasz. Das Projekt wird für die Ausstellung Video Site II erstmals umfassend und nachvollziehbar dokumentert. Das bietet sich an, denn mit W.A.S.T.E. sind wir Dingen auf der Spur gewesen, die genau das Interesse von Video Site II treffen. Die algorithmischen Spaziergänge, die wir gelaufen sind, gehen auf die situationistische Technik des Umherschweifens zurück. Und mit dem Umherschweifen hatten die Situationisten nichts anderes im Sinn, als Strategien der Rückeroberung selbstbestimmteren Wahrnehmens und Erlebens städtischer Phänomene zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gerade nämlich, indem man sich selbstbestimmt einem Algorithmus unterwirft, um die Stadt zu durchwandern, gelingt es, sich von seinem alltäglichen Wahrnehmungstrott zu lösen und offen zu sein für neue Beobachtungen. Wenn man dann darüber hinaus dazu angehalten ist, Texte herzustellen, um die Beobachtungen festzuhalten, ist selbstbestimmtes Augen aufmachen geradezu vorprogrammiert…

W.A.S.T.E. war eine vielschichtige Aktion, weshalb sich die Dokumentation bei Posterous in verschiedene Themenbereiche gliedert, die sich nach den dort benutzten Tags sortieren lassen:

» W.A.S.T.E. Algorithmen erklärt die Art, wie spazieren gegangen wurde. Es wird die psychogeografische Umherschweiftechnik namens dot.walk vorgestellt und erklärt, wie wir sie eingesetzt haben.

» W.A.S.T.E. Kartei erklärt die halbautomatische Textherstellungskomponente des Projekts. Sie geht auf das Ideenmagazin von Heinrich von Kleist zurück. Wie? Das wird gezeigt.

» W.A.S.T.E. Probeläufe beschreiben unsere ersten Gehversuche, algorithmisch mit einer Textkartei spazieren zu gehen.

» W.A.S.T.E. Logo ist die Kategorie für unsere Hintergrundgeschichte und unsere formal postialischen Konventionen.

» W.A.S.E. Map dokumentiert den Weg, den wir am 05.02.2009 - mehr oder minder streng - algorithmisch zurückgelegt haben und wecken hoffentlich das Interesse, es einmal selber auszuprobieren.

» W.A.S.T.E. Texte führt zum Archiv unserer Stadt- und Situationsbeschreibungen, die wir mit Hilfe unserer Textkartei - mehr oder minder textgetreu - hergestellt haben.

Es ist nicht nötig, beim Stöbern in W.A.S.T.E. revisited eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, sich selbstbestimmt einen Weg durch diese Geschichte zu bahnen. Bitte schweifen Sie umher! // Thomas Goldstrasz

Einen Aufsatz über den situationistischen Hintergrund des algorithmischen Umherschweifens gibt es bei Umordnung unter: W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience.

/// W.A.S.T.E. revisited wurde am 04.05.2012 unter textwalk.posterous.com ins Netz gestellt. Anlass war die Ausstellung Video Site II in der Filmwerkstatt Düsseldorf.

March 8, 2012
W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience

// eine psychogeografische Okkupation der Stadt Düsseldorf mit textgenerativer Dokumentation

Abb. W.A.S.T.E. Weste mit W.A.S.T.E. Logo. Foto: Jan Bertil Meier

Ein bis heute nützliches und vielfach weiterentwickeltes Verfahren zur Okkupation einer Stadt wurde in den 1950er Jahren von den Situationisten in Paris entwickelt. Sie nannten es dérive; zu Deutsch: Umherschweifen. Guy Debord, einer der Begründer der Situationistischen Internationale (S.I.), beschrieb es in erster Annäherung in seinem Entwurf zur Theorie des Umherschweifens mit den Worten: Unter den verschiedenen situationistischen Verfahren ist das Umherschweifen eine Technik des eiligen Durchgangs durch abwechslungsreiche Umgebungen. Der Begriff des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was ihn in jeder Hinsicht den klassischen Begriffen der Reise und des Spaziergangs entgegenstellt.1

Das Umherschweifen hatte den Zweck, das Diktat des Spektakels zu durchbrechen. Darum ging es den Situationisten grundsätzlich. Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. Es ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm2, schrieb Debord in seinem einflussreichen Pamphlet Die Gesellschaft des Spektakles aus dem Jahr 1967, das, ganz dem situationistischen Grundsatz gemäß, wissentlich geschrieben wurde in der Absicht, der Gesellschaft des Spektakels zu schaden.3 Die massenmediale Rundumberieselung genauso wie die architektonische Inszenierung der modernen Städte wurden für die Situationisten allein vom Monopol des Spektakels bestimmt. Attila Kotányi und Raoul Vaneigm formulierten das 1961 in der Zeitschrift der S.I. so: Der Urbanismus kann mit einer Reklameausstellung für Coca-Cola verglichen werden: eine reine spektakuläre Ideologie. Der moderne Kapitalismus, der die Reduktion des gesamten sozialen Lebens auf das Spektakel organisiert, ist außerstande, ein anderes Spektakel zu geben als das unserer eigenen Entfremdung.4

Für den Medienphilosophen Frank Hartmann ist die Rede vom Spektakel der 1972 auseinander gegangenen S.I. durchaus kein Geschwätz von gestern. 2011 wurde er vom KRAUT-Magazin gefragt, was er aktuell von der Möglichkeit kritischer Aufklärung durch Fotojournalismus hält, und antwortete: Ich spreche den im medialen System involvierten Individuen nicht die Absicht ab, kritisch aufklären zu wollen. Aber sie sind chancenlos, dieses System ist als Spektakel angelegt, ganz im Sinne Guy Debords, dessen Ansatz hier immer noch zeitgemäß ist. Unsere sichtbare Welt ist geprägt von der Ästhetik amerikanischer Bildagenturen wie Corbis und Getty Images.5

Die S.I. nutzte die Okkupation also, wie gesagt, um die Diktatur des Spektakels zu durchbrechen. Die Situationisten besetzten und bespielten immer wieder öffentliche Plätze und Institutionen, konstruierten Situationen, wie sie es nannten, was zu allerlei Skandalen führte.6 Deshalb ist es naheliegend, dass sie als Vorläufer der Punk- und der 68er-Berwegung gesehen und offensichtliche Parallelen zur heutigen Occupy-Bewegung gezogen werden können. Aber allein bei dieser Art der Übernahme blieben sie nicht stehen. Besonders bei der Technik des Umherschweifens ging es ihnen vielmehr darum, die eigene Wahrnehmung zu okkupieren. Wenn die eigene Wahrnehmung durchs Spektakel fremdbestimmt ist, muss man sie selbstbestimmt zurückerobern, so die Logik, die dahinter steckt.

Aber wie geht das? Dazu gab Debord in seinem Fragment zur Theorie des Umherschweifens schon einige Hinweise: Eine oder mehrere das Umherschweifen experimentierende Personen verzichten für eine mehr oder weniger lange Zeit auf die ihnen im allgemeinen bekannten Bewegungs- bzw. Handlungsgründe, auf die ihnen eigenen Beziehungen, Arbeiten und Freizeitbeschäftigungen, um sich den Anregungen des Geländes und den ihm entsprechenden Begegnungen hinzugeben. Dazu habe man sich aber nicht einfach auf den Zufall zu verlassen, denn bei dem Versuch, ziel- und planlos herumzuirren würde man doch früher oder später nur auf seine alten, fremdbestimmten Wahrnehmungsgewohnheiten zurückfallen, was als trüber Misserfolg zu werten wäre. Man habe sich also einer selbstbestimmt erdachten Methode des Umherschweifens zu unterwerfen, um echt überraschende, vom Spektakel unkorrumpierte Beobachtungen anstellen zu können. Eine Methode, die Debord andeutet, ist die der möglichen Verabredung: Der Betreffende wird gebeten, sich zu einer bestimmten Stunde an einen ihm angegebenen Ort allein zu begeben. Er braucht nicht mehr die unangenehmen Verpflichtungen der gewöhnlichen Verabredung zu befolgen, da er auf niemanden warten muss. Da diese „mögliche Verabredung“ ihn aber unerwartet an einen Ort geführt hat, den er sowohl kennen als auch nicht kennen kann, betrachtet er die Umgebung aufmerksam.7

Eine neuere Methode des Umherschweifens, die einen zuverlässig überraschend an Orte führt, die einem sowohl bekannt als auch unbekannt vorkommen können, und die Wahrnehmung für aufmerksame Betrachtung frei macht, wurde vor etwa zehn Jahren von Wilfried Hou Je Bek8 entwickelt. Er nannte sie dot.walk. Diese Vorgabe entspricht einem Algorithmus und lässt sich auf ein einfaches Computerprogramm zurückführen: //Classic.walk; Repeat [1 st street left, 2 nd street right, 2 nd street left]. Das pchychogeografische Projekt »dot.walk« liefert eine Handlungsanweisung (Software) zur Benutzung einer Stadt (Hardware).9 Dass es zu echt denkwürdigen Wahrnehmungserlebnissen führt, nach einem Algorithmus durch die Stadt zu schweifen, zeigen die erhellenden Erfolge der vielen dot.walks, die Hou Je Bek international unternommen hat und die vielen Weiterschweifungen, die von davon inspiriert wurden.

Eine dieser psychogeografischen Weiterschweifungen des dot.walk fand a. 05.02.2009 in Düsseldorf statt. Im Rahmen eines Workshops zum Seminar Medienkunstmomente, das im am FB Design der FH Düsseldorf unter der Leitung von Thomas Goldstrasz stattfand, schweiften um die 80 Studentinnen und Studenten in kleinen Gruppen algorithmisch durch Düsseldorf und beschrieben die Situation an jeder Ecke, an der sie laut Algorithmus abzubiegen hatten, mit Hilfe von kombinierten und modifizierten Textfragmenten aus einer Textbausteinkartei.10 Wir nannten diesen Workshop W.A.S.T.E. - We All Silent await Text.Walk Experience.. Die Texte, die dabei entstanden sind, beweisen deutlich, dass unsere Wahrnehmungsgewohnheiten, ob oder inwieweit sie nun im Alltag vom Spektakel diktiert werden oder nicht, gründlich abgelegt wurden zugunsten der methodischen Übernahme eines konstruktiven Spielverhaltens der Beobachtung einer bekannten Stadt unter unbekannten Bedingungen. Nachzulesen ist unser erhellendes Ergebnis zum Beispiel in diesem Text zur Ecke Friedrich-Ebert-Str. / Worringer Str.:

5.2.2009, 10:52 Uhr. Also für uns sieht das aus wie eine Straßenszene, könnten uns aber auch irren. Vielleicht ist’s ja nur eine Fotografie einer Straßenszene. Verschwommen im Vordergrund, bedrohlich über dem Betrachter: ein Bahnhof. Im Hintergrund, Straßenbahnglocke. Der Zug ist eben eingefahren, das Volk strömt auf den Platz. T(11), Y(13)11

Man muss sich gar nicht mit der S.I., ihren Motivationen und Grundsätzen identifizieren, wenn man Lust verspürt, selbst umherzuschweifen. Man kann diese Methode einfach übernehmen, variieren, neue Verfahren des Dérive erfinden. Die Situationisten hielten nichts von Copyright und Credits. Sie haben ihre Texte freigegeben.12 Genauso freigegeben sind die Methoden der möglichen Verabredung, des dot.walk und des W.A.S.T.E. Also bitte, wenn Sie mögen: Occupy Umherschweifen! Es ist frei. // Thomas Goldstrasz

~~~ FUSZNOTEN ~~~

1 Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, SI-Revue Nr. 2,1958

2 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Edition Tiamat Berlin, 1996

3 So betonte es Debord ausdrücklich 1992 im Vorwort zur dritten französischen Auflage von Die Gesellschaft des Spektakels. Vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels (24.02.2012)

4 Attila Kotányi, Raoul Vaneigm, Elementarprogramm des Büros für einen Unitären Urbanismus, SI-Revue Nr. 6, 1961

5 Frank Hartmann, Die Betonung liegt auf künstlerischer Subjektivität, Kraut-Magazin Nr. 4, 2011

6 In den Texten der S.I. finden sich an vielen Stellen Hinweise auf Okkupationen durch die Situationisten. Auch die Heftigkeit, mit der sie mitunter dabei vorgegangen sind, schimmert in einigen Beiträgen durch; so zum Beispiel in Der Historiker Maitron (SI-Revue Nr. 12, 1968), worin eine Beschwerde Maitrons, er sei von den Situationisten regelrecht überfallen, er sei beschimpft und seine Wohnung verwüstet worden, kommentiert wird. Eine Dokumentation der zwölf Ausgaben der SI-Revue auf Deutsch findet sich im Internet unter: http://www.si-revue.de/

7 Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen aus: Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, a.a.O.

8 Wilfried Hou Je Bek ist das Pseudonym des Begründers des psychogeografischen Netzknotens socialfiction.org. Frei aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt bedeutet es so viel wie: Wilfried Halt Die Klappe. Hier geht es zu seinem aktuellen Blog: http://cryptoforest.blogspot.com. Isbs. sei an dieser Stelle auf seinen Eintrag Occupy as psychogeographic urbanism (vom 20.01.2012) hingewiesen, der die genannten Parallelen der S.I. zur Occupy-Bewegung explizit und ausführlich zieht, aber auch Unterschiede deutlich macht.

9 Tjark Ihmels, .walk, Medien Kunst Netz, ca. 2004, http://www.medienkunstnetz.de/werke/dot-walk (24.02.2012)

10 Die Idee, dot.walks mit Hilfe von modifizierten Textfragmenten aus einer Textkartei zu dokumentieren, geht auf die Ideengänge von Thomas Goldstrasz und Nick Grindell (2004) zurück. Vgl.: http://www.epram.org/ideengaenge

11 Die Signaturen T(11) und Y(13) verweisen auf die Karten der Textkartei, aus denen diese Beschreibung hergestellt wurde. Die gesamte, eigens für W.A.S.T.E. zusammengestellte Kartei kann als PDF unter http://www.tinyurl.com/wastekartei heruntergeladen werden (400 KB). Eine Google-Map mit Nachzeichnungen sämtlicher Text.Walks vom 05.02.2009 nebst benutzter Variationen des dot.walk Algorithmus und allen entstandenen Texten gibt es unter: http://www.tinyurl.com/wastemap

12 In jeder Ausgabe der Zeitschrift der S.I. stand der Hinweis: Alle in der SITUATIONISTISCHEN INTERNATIONALE veröffentlichten Texte dürfen frei und auch ohne Herkunftsangabe abgedruckt, übersetzt oder bearbeitet werden.

~~~ ENDE: FUSZNOTEN ~~~

/// Dieser Artikel erscheint demnächst in englischer Sprache in der Ausgabe Occupy! des Magazins 3DKOMM »»» Verwandter Artikel in diesem Blog: W.A.S.T.E. revisited.