March 8, 2012
W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience

// eine psychogeografische Okkupation der Stadt Düsseldorf mit textgenerativer Dokumentation

Abb. W.A.S.T.E. Weste mit W.A.S.T.E. Logo. Foto: Jan Bertil Meier

Ein bis heute nützliches und vielfach weiterentwickeltes Verfahren zur Okkupation einer Stadt wurde in den 1950er Jahren von den Situationisten in Paris entwickelt. Sie nannten es dérive; zu Deutsch: Umherschweifen. Guy Debord, einer der Begründer der Situationistischen Internationale (S.I.), beschrieb es in erster Annäherung in seinem Entwurf zur Theorie des Umherschweifens mit den Worten: Unter den verschiedenen situationistischen Verfahren ist das Umherschweifen eine Technik des eiligen Durchgangs durch abwechslungsreiche Umgebungen. Der Begriff des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was ihn in jeder Hinsicht den klassischen Begriffen der Reise und des Spaziergangs entgegenstellt.1

Das Umherschweifen hatte den Zweck, das Diktat des Spektakels zu durchbrechen. Darum ging es den Situationisten grundsätzlich. Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. Es ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm2, schrieb Debord in seinem einflussreichen Pamphlet Die Gesellschaft des Spektakles aus dem Jahr 1967, das, ganz dem situationistischen Grundsatz gemäß, wissentlich geschrieben wurde in der Absicht, der Gesellschaft des Spektakels zu schaden.3 Die massenmediale Rundumberieselung genauso wie die architektonische Inszenierung der modernen Städte wurden für die Situationisten allein vom Monopol des Spektakels bestimmt. Attila Kotányi und Raoul Vaneigm formulierten das 1961 in der Zeitschrift der S.I. so: Der Urbanismus kann mit einer Reklameausstellung für Coca-Cola verglichen werden: eine reine spektakuläre Ideologie. Der moderne Kapitalismus, der die Reduktion des gesamten sozialen Lebens auf das Spektakel organisiert, ist außerstande, ein anderes Spektakel zu geben als das unserer eigenen Entfremdung.4

Für den Medienphilosophen Frank Hartmann ist die Rede vom Spektakel der 1972 auseinander gegangenen S.I. durchaus kein Geschwätz von gestern. 2011 wurde er vom KRAUT-Magazin gefragt, was er aktuell von der Möglichkeit kritischer Aufklärung durch Fotojournalismus hält, und antwortete: Ich spreche den im medialen System involvierten Individuen nicht die Absicht ab, kritisch aufklären zu wollen. Aber sie sind chancenlos, dieses System ist als Spektakel angelegt, ganz im Sinne Guy Debords, dessen Ansatz hier immer noch zeitgemäß ist. Unsere sichtbare Welt ist geprägt von der Ästhetik amerikanischer Bildagenturen wie Corbis und Getty Images.5

Die S.I. nutzte die Okkupation also, wie gesagt, um die Diktatur des Spektakels zu durchbrechen. Die Situationisten besetzten und bespielten immer wieder öffentliche Plätze und Institutionen, konstruierten Situationen, wie sie es nannten, was zu allerlei Skandalen führte.6 Deshalb ist es naheliegend, dass sie als Vorläufer der Punk- und der 68er-Berwegung gesehen und offensichtliche Parallelen zur heutigen Occupy-Bewegung gezogen werden können. Aber allein bei dieser Art der Übernahme blieben sie nicht stehen. Besonders bei der Technik des Umherschweifens ging es ihnen vielmehr darum, die eigene Wahrnehmung zu okkupieren. Wenn die eigene Wahrnehmung durchs Spektakel fremdbestimmt ist, muss man sie selbstbestimmt zurückerobern, so die Logik, die dahinter steckt.

Aber wie geht das? Dazu gab Debord in seinem Fragment zur Theorie des Umherschweifens schon einige Hinweise: Eine oder mehrere das Umherschweifen experimentierende Personen verzichten für eine mehr oder weniger lange Zeit auf die ihnen im allgemeinen bekannten Bewegungs- bzw. Handlungsgründe, auf die ihnen eigenen Beziehungen, Arbeiten und Freizeitbeschäftigungen, um sich den Anregungen des Geländes und den ihm entsprechenden Begegnungen hinzugeben. Dazu habe man sich aber nicht einfach auf den Zufall zu verlassen, denn bei dem Versuch, ziel- und planlos herumzuirren würde man doch früher oder später nur auf seine alten, fremdbestimmten Wahrnehmungsgewohnheiten zurückfallen, was als trüber Misserfolg zu werten wäre. Man habe sich also einer selbstbestimmt erdachten Methode des Umherschweifens zu unterwerfen, um echt überraschende, vom Spektakel unkorrumpierte Beobachtungen anstellen zu können. Eine Methode, die Debord andeutet, ist die der möglichen Verabredung: Der Betreffende wird gebeten, sich zu einer bestimmten Stunde an einen ihm angegebenen Ort allein zu begeben. Er braucht nicht mehr die unangenehmen Verpflichtungen der gewöhnlichen Verabredung zu befolgen, da er auf niemanden warten muss. Da diese „mögliche Verabredung“ ihn aber unerwartet an einen Ort geführt hat, den er sowohl kennen als auch nicht kennen kann, betrachtet er die Umgebung aufmerksam.7

Eine neuere Methode des Umherschweifens, die einen zuverlässig überraschend an Orte führt, die einem sowohl bekannt als auch unbekannt vorkommen können, und die Wahrnehmung für aufmerksame Betrachtung frei macht, wurde vor etwa zehn Jahren von Wilfried Hou Je Bek8 entwickelt. Er nannte sie dot.walk. Diese Vorgabe entspricht einem Algorithmus und lässt sich auf ein einfaches Computerprogramm zurückführen: //Classic.walk; Repeat [1 st street left, 2 nd street right, 2 nd street left]. Das pchychogeografische Projekt »dot.walk« liefert eine Handlungsanweisung (Software) zur Benutzung einer Stadt (Hardware).9 Dass es zu echt denkwürdigen Wahrnehmungserlebnissen führt, nach einem Algorithmus durch die Stadt zu schweifen, zeigen die erhellenden Erfolge der vielen dot.walks, die Hou Je Bek international unternommen hat und die vielen Weiterschweifungen, die von davon inspiriert wurden.

Eine dieser psychogeografischen Weiterschweifungen des dot.walk fand a. 05.02.2009 in Düsseldorf statt. Im Rahmen eines Workshops zum Seminar Medienkunstmomente, das im am FB Design der FH Düsseldorf unter der Leitung von Thomas Goldstrasz stattfand, schweiften um die 80 Studentinnen und Studenten in kleinen Gruppen algorithmisch durch Düsseldorf und beschrieben die Situation an jeder Ecke, an der sie laut Algorithmus abzubiegen hatten, mit Hilfe von kombinierten und modifizierten Textfragmenten aus einer Textbausteinkartei.10 Wir nannten diesen Workshop W.A.S.T.E. - We All Silent await Text.Walk Experience.. Die Texte, die dabei entstanden sind, beweisen deutlich, dass unsere Wahrnehmungsgewohnheiten, ob oder inwieweit sie nun im Alltag vom Spektakel diktiert werden oder nicht, gründlich abgelegt wurden zugunsten der methodischen Übernahme eines konstruktiven Spielverhaltens der Beobachtung einer bekannten Stadt unter unbekannten Bedingungen. Nachzulesen ist unser erhellendes Ergebnis zum Beispiel in diesem Text zur Ecke Friedrich-Ebert-Str. / Worringer Str.:

5.2.2009, 10:52 Uhr. Also für uns sieht das aus wie eine Straßenszene, könnten uns aber auch irren. Vielleicht ist’s ja nur eine Fotografie einer Straßenszene. Verschwommen im Vordergrund, bedrohlich über dem Betrachter: ein Bahnhof. Im Hintergrund, Straßenbahnglocke. Der Zug ist eben eingefahren, das Volk strömt auf den Platz. T(11), Y(13)11

Man muss sich gar nicht mit der S.I., ihren Motivationen und Grundsätzen identifizieren, wenn man Lust verspürt, selbst umherzuschweifen. Man kann diese Methode einfach übernehmen, variieren, neue Verfahren des Dérive erfinden. Die Situationisten hielten nichts von Copyright und Credits. Sie haben ihre Texte freigegeben.12 Genauso freigegeben sind die Methoden der möglichen Verabredung, des dot.walk und des W.A.S.T.E. Also bitte, wenn Sie mögen: Occupy Umherschweifen! Es ist frei. // Thomas Goldstrasz

~~~ FUSZNOTEN ~~~

1 Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, SI-Revue Nr. 2,1958

2 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Edition Tiamat Berlin, 1996

3 So betonte es Debord ausdrücklich 1992 im Vorwort zur dritten französischen Auflage von Die Gesellschaft des Spektakels. Vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels (24.02.2012)

4 Attila Kotányi, Raoul Vaneigm, Elementarprogramm des Büros für einen Unitären Urbanismus, SI-Revue Nr. 6, 1961

5 Frank Hartmann, Die Betonung liegt auf künstlerischer Subjektivität, Kraut-Magazin Nr. 4, 2011

6 In den Texten der S.I. finden sich an vielen Stellen Hinweise auf Okkupationen durch die Situationisten. Auch die Heftigkeit, mit der sie mitunter dabei vorgegangen sind, schimmert in einigen Beiträgen durch; so zum Beispiel in Der Historiker Maitron (SI-Revue Nr. 12, 1968), worin eine Beschwerde Maitrons, er sei von den Situationisten regelrecht überfallen, er sei beschimpft und seine Wohnung verwüstet worden, kommentiert wird. Eine Dokumentation der zwölf Ausgaben der SI-Revue auf Deutsch findet sich im Internet unter: http://www.si-revue.de/

7 Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen aus: Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, a.a.O.

8 Wilfried Hou Je Bek ist das Pseudonym des Begründers des psychogeografischen Netzknotens socialfiction.org. Frei aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt bedeutet es so viel wie: Wilfried Halt Die Klappe. Hier geht es zu seinem aktuellen Blog: http://cryptoforest.blogspot.com. Isbs. sei an dieser Stelle auf seinen Eintrag Occupy as psychogeographic urbanism (vom 20.01.2012) hingewiesen, der die genannten Parallelen der S.I. zur Occupy-Bewegung explizit und ausführlich zieht, aber auch Unterschiede deutlich macht.

9 Tjark Ihmels, .walk, Medien Kunst Netz, ca. 2004, http://www.medienkunstnetz.de/werke/dot-walk (24.02.2012)

10 Die Idee, dot.walks mit Hilfe von modifizierten Textfragmenten aus einer Textkartei zu dokumentieren, geht auf die Ideengänge von Thomas Goldstrasz und Nick Grindell (2004) zurück. Vgl.: http://www.epram.org/ideengaenge

11 Die Signaturen T(11) und Y(13) verweisen auf die Karten der Textkartei, aus denen diese Beschreibung hergestellt wurde. Die gesamte, eigens für W.A.S.T.E. zusammengestellte Kartei kann als PDF unter http://www.tinyurl.com/wastekartei heruntergeladen werden (400 KB). Eine Google-Map mit Nachzeichnungen sämtlicher Text.Walks vom 05.02.2009 nebst benutzter Variationen des dot.walk Algorithmus und allen entstandenen Texten gibt es unter: http://www.tinyurl.com/wastemap

12 In jeder Ausgabe der Zeitschrift der S.I. stand der Hinweis: Alle in der SITUATIONISTISCHEN INTERNATIONALE veröffentlichten Texte dürfen frei und auch ohne Herkunftsangabe abgedruckt, übersetzt oder bearbeitet werden.

~~~ ENDE: FUSZNOTEN ~~~

/// Dieser Artikel erscheint demnächst in englischer Sprache in der Ausgabe Occupy! des Magazins 3DKOMM »»» Verwandter Artikel in diesem Blog: W.A.S.T.E. revisited.

November 3, 2011
Antiglamour

// der Beginn der Situationistischen Internationale und ihre Furcht vor der Vereinnahmung durch den Glamour

Abb. NE TRAVAILLEZ JAMAIS (ARBEITET NIE). Dieses Graffito stand um 1953 auf einer Fassade in Saint-Germain-des-Prés

Es ist reiner Zufall, dass der Beginn der ersten antiglamourösen Bewegung des massenmedialen Zeitalters wenigstens minimal dokumentiert wurde. Denn der Beginn der Situationistischen Internationale war eigentlich auf ein spurloses Verschwinden angelegt. Rein zufällig trieb sich der holländische Fotograf Ed van der Elsken um 1952 in Saint-Germain  -  des  - Prés Paris herum und fotografierte dort in einem Café namens Chez Moineau und um dieses Café herum das verstörende Treiben einer verstörenden Gruppe junger Leute. Das dürfte sogar nicht ganz ungefährlich gewesen sein, denn die größte Furcht dieser Gruppe war, vom Spektakel rekuperiert zu werden, wie ihr Cheftheoretiker Guy Debord die verheißungsvoll bilderstarke, massenmediale Berieselung des passiv konsumierenden Bürgertums später nannte. Es gibt keine radikale Geste, die die Ideologie nicht zu rekuperieren versucht, heißt es dazu einiges später in einem Text von Raoul Vaneigem, comicartig illustriert von André Bertrand. Und sie konnten durchaus radikal, das heißt handgreiflich werden, mit ihren Gesten, wenn sie eine Vereinnahmung durch das Spektakel, das nichts anderes als der Glamour ist, witterten.

Bald fragte ich mich nicht mehr, wovon diese Jungen und Mädchen lebten, so Ed van der Elsken. Meistens vom Organisieren, Betteln und Hungern, das mit Alkohol besänftigt wurde. Man stahl ab und zu, ließ sich aushalten oder handelte ein bisschen mit Rauschgift. Kam der Winter mit seiner Kälte, ließen manche sich einsperren. Man aß ein Stückchen Stangenbrot auf der Straße. Nachts stahl man Milchflaschen, die auf dem Bürgersteig vor den Milchläden standen. An der Place de l‘Odéon wurde schon für dreißig Francs eine Tüte Pommes Frites verkauft. Hatte man sich tagsüber ein bisschen betätigt, so konnte man sich abends für hundert Francs eine Boulette Garnie oder Spaghetti Levantin leisten. Für knapp sechzig Francs gab es einen Liter Wein. Man schlief im Café, auf einer Bank oder in einem Wagen, den jemand auf der Place de Saint Sulpice abgestellt hatte, im Aktualitätenkino oder im Metroschacht, bei der Heilsarmee oder auf der Polizeiwache. Wenn man eine Freundin hatte, leistete man sich ein Hotelzimmer. Sie trugen abgetragene, heruntergekommene, zerrissene Kleidung, die sie mit provokativen oder kryptischen, von den Lettristen inspirierten Parolen beschrieben. Sie färbten sich die Haare in kreischenden Farben. Waren permanent betrunken und berauscht. Alle Mittel sind uns recht, um sich zu vergessen: Selbstmord, Todesschmerzen, Drogen, Alkoholismus, Wahnsinn. Wie auch immer, lebend werden wir hier nicht herauskommen. So zogen sie trunken, schwankend, dreist durch Saint-Germain-des-Prés, provozierten die Passanten, die Angst vor ihnen hatten, legten sich mit der Polizei an, störten öffentliche Veranstaltungen und wurden dafür oft verhaftet, verurteilt und eingesperrt.

Viele dieser ersten Situationisten haben es tatsächlich geschafft, namentlich unbekannt zu bleiben. Einige von ihnen, heißt es, haben diesen jugendlichen, performativ gesellschaftskritischen Taumel tatsächlich nicht überlebt. Die Details ihrer Aktionen blieben größtenteils undokumentiert. — Andere haben mediale Spuren hinterlassen. Über den sogenannten Osterskandal vom April 1950 etwa berichteten die Pariser Tageszeitungen auf der ersten Seite. Da hatten sich vier der jungen Leute aus dem Umfeld des Café Moineau als Mönche verkleidet und zum Ostersonntag auf prominentem Platz, vor versammelter Glaubensgemeinschaft eine Rede gehalten: Heute, am Ostersonntag des heiligen Jahres, hier im Zeichen der Basilika der Notre Dame de Paris klage ich die universelle katholische Kirche an, die Welt mit ihrer moralischen Leiche zu verpesten, das Krebsgeschwür des zerfallenden Okzidents zu sein. In Wirklichkeit, sage ich euch: Gott ist tot! Uns kotzt die röchelnde Seichtheit eurer Predigten an, denn eure Predigten sind schmieriger Dünger für die Kriegsfelder Europas und so weiter. Sie wurden, nach zum Teil blutigen Attacken der Schweizergarde, wie berichtet wird, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Sie hatten Glück, dass sich einige der etablierten Intellektuellen Frankreichs, wie André Breton oder Maurice Nadeau, prompt lautstark und euphorisch für sie einsetzten, sodass sie, unter dem Vorwand, psychisch instabil und unzurechnungsfähig zu sein, alsbald wieder frei gelassen wurden.

Eine andere Gruppe wurde unter der Bezeichnung Plakatabreißer namentlich bekannt. Sie praktizierten etwas, das man heute Decollage nennen würde und nach wie vor urban in Mode ist. Sie legten die wie Palimpseste in Schichten übereinander geklebten Verheißungen des Glamours an den Fassaden unserer Städte ausrissweise frei, ratschten sie ab, damit sie sich in der Gestalt einer abstrakten Malerei aus Plakatpapier gegenseitig niederschreien, ohne noch etwas auszusagen. Um Spektakelfetzen hübsch gegeneinander auszuspielen. Zum Beispiel. Auch mit der fassadenverschönernden Weiterung, heute als Graffiti weithin berühmt und berüchtigt, haben die ersten Situationisten angefangen zu arbeiten. Die sehr berühmt gewordene Parole NE TRAVAILLEZ JAMAIS stand um 1953 in schräger Handschrift aus großen, kapitalen Lettern auf einer Mauer in Saint-Germain-des-Prés.

Natürlich hießen die Situationisten nicht von Anfang an Situationisten. Erst nach und nach entstanden die Texte, die das Programm dieser Bewegung auf den Begriff brachten. Die Provokationen der Gruppe, die sich ab 1957 die Situationistische Internationale nannte, bekamen mit Texten wie Vorbereitende Probleme zur Konstruktion einer Situation ein ausformuliertes Konzept. Es ging darum, Zusammentreffen von Personen herzustellen, die alle Beteiligten dazu bringen, aus dem Alltagstrott des passiven Medienkonsums herauszufinden und sich aktiv an der Inszenierung der eigenen Wahrnehmungsumgebung zu beteiligen. Der Text Theorie des Umherschweifens  brachte das trunkene Taumeln der Gruppe auf einen künstlerisch folgenreichen Punkt. Es wurde ein Verfahren vorgeschlagen, mit dem man beim Spazierengehen an Orte gelangt, an die man von alleine niemals gelangt wäre; immer mit dem Ziel, die Herrschaft des Spektakels zu durchbrechen und selbstbestimmt aktiv zu werden. Weitsichtige aktionskünstlerische Grundlagenkonzeptionen, die bis heute weiterverfolgt werden, wenn man an Flashmobs oder algorithmische Spaziergänge denkt.

Die folgende Geschichte der Situationistischen Internationale liest sich heute leicht wie eine deprimierende Geschichte des streitbaren Scheiterns. Permanent wurden Mitglieder ausgeschlossen, teilweise aus sehr schwer nachvollziehbaren Gründen, es gab aufreibende Grabenkämpfe, Zersplitterungen und Zersplitterungen von Zersplitterungen. Spätestens mit dem Selbstmord von Guy Debord, 1994, kann man die Sache an sich, wenn man möchte, für gescheitert erklären. Bloß kann man sie damit eigentlich gar nicht treffen, denn Scheitern war doch das Programm. Der Situationismus hat, um es in glamourösen Begriffen zu sagen, ungeheuer viel an fruchtbarer künstlerischer Grundlagenforschung betrieben, ohne selbst etwas zur Marktreife zu entwickeln.

In dem Roman Das fünfte Imperium von Viktor Pelewin, einem der ausführlichsten Texte über Glamour überhaupt, finden sich an einer Stelle die Sätze: Glamour ist ein schillerndes Spiel gegenstandsloser Bilder, die der Diskurs hervorbringt, während er im Feuer sexueller Erregung verdampft. Der Diskurs umrahmt den Glamour, ist für ihn eine edle Verpackung. Der Glamour verleiht dem Diskurs Vitalität, bewahrt ihn vor der Austrocknung. Betrachte den Glamour am besten als Diskurs des Körpers … und den Diskurs als Glamour des Geistes. An der Schnittstelle dieser beiden Begriffe entsteht die ganze moderne Kultur. An anderer Stelle findet sich darin der folgende, sehr verstörende Satz: Antiglamour ist auf dem besten Weg, die aussichtsreichste Beförderung des Glamours zu werden.

Das könnte ein Grund sein, warum es noch nicht einmal einen anständigen Wikipedia - Artikel zum Stichwort „Glamour“ gibt und warum „Antiglamour“ noch nicht einmal nennenswerte Google-Hits hat. Es geht um Gesten, die wir nicht artikulieren, sondern die wir vorführen. Und was wir sammeln, sind ihre Spuren. // Thomas Goldstrasz

Alle Zitate zur Situationistischen Internationale sowie die Abbildung stammen aus: Roberto Ohrt, Phantom Avantgarde: eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst, Edition Nautilus Hamburg, 1990. Der Roman Das fünfte Imperium von Viktor Pelewin ist 2009 bei Luchterhand München erschienen, das russische Original wurde 2006 unter dem Titel Empire V bei Eksmo Moskau veröffentlicht.

/// Erschienen in KRAUT Magazin #2 : ZEITGEIST UND GLAMOUR, Februar 2011