nimm mich, lies mich, lass mich frei
// Bücher in Bewegung im Interview

Abb. Der Mann im Fisch in der Bratpfanne. Releasefoto zur Freilassaktion in Kaufhäusern. Foto: buecherin_b
1. Was ist Bücher in Bewegung?
Bücher in Bewegung (buecherin_b) war ein Projekt mit BookCrossing, das im Rahmen eines Seminars zur Mediengeschichte und Medientheorie am Fachbereich Design der FH Düsseldorf während des Sommersemesters 2011 durchgeführt wurde.
Wir haben dafür 1.000 Bücher aus Antiquariaten gesammelt, diese Bücher mit eigens für das Projekt von uns neu gestalteten und neu getexteten Etiketten versehen, sie bei BookCrossing registriert und sie in fünf Schüben an fünf verschiedenen Ortstypen in Düsseldorf freigelassen.
i. Warteorte (Haltestellen, Wartezimmer …)
ii. Flanierorte (Parks, Einkaufszonen …)
iii. 25. Bücherbummel auf der Kö (vgl.)
iv. Kaufhäuser (Auslagen, Umkleidekabinen …)
v. Rheinpromenade (Paul-Lehr-Ufer)
Ein Webalbum mit unseren Etiketten, Screenshots und Releasefotos findet sich bei Picasa unter Buecherin_B Düsseldorf. Und bei Vimeo finden sich drei Videoclips zu unseren Aktionen: Nummer eins zu den Vorbereitungen, Nummer zwei zum Release in Kaufhäusern und Nummer drei zum Release beim Arbeitsamt.
Wir haben die Aktion mit einer kleinen Forschungsfrage verbunden: Bei welchem Typ von Orten kommt das meiste Feedback in Form von Journaleinträgen?
Dass Ortstypen einen Unterschied beim BookCrossing machen, war uns intuitiv klar. Aber bei unserer Prognose lagen wir dennoch daneben. Wir haben vermutet, dass der Release auf dem Bücherbummel das meiste Feedback einbringen würde, weil dort mit der größten Dichte von Bücherliebhabern zu rechnen war, gefolgt von den Warteorten, weil wir meinten, dass dort die größte Menge von frei umherschweifender Aufmerksamkeit auf die freigelassenen Bücher treffen würde.
Tatsächlich haben die Flanierorte prozentual das meiste Feedback eingebracht, gefolgt von den Warteorten, gefolgt von den Kaufhäusern. Der Bücherbummel brachte die wenigsten Journaleinträge.
Natürlich war das keine Studie, die allen wissenschaftlichen Standards genügte. Das wäre im Rahmen eines Seminars unmöglich gewesen und war auch nicht die Absicht. Ziel war es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie man präzise Fragen an die Mediengeschichte formulieren kann; und es war interessant, einmal einen empirischen Ansatz zu entwickeln innerhalb einer Disziplin, die normalerweise Texte befragt. Das Ergebnis unseres kleinen Experiments lieferte immerhin eine Ahnung der Richtung, in die man weiter fragen könnte.
2. Wer bist Du? Und wer sind die Teilnehmer?
Mein Name ist Thomas Goldstrasz. Ich bin Dozent für Medientheorie, Medienästhetik und Mediengeschichte am Fachbereich Design der FH Düsseldorf. Ich habe das Seminar geleitet und das Projekt initiiert.
Teilgenommen haben 48 Studentinnen und Studenten, größtenteils aus dem Bereich Kommunikationsdesign. Sie waren unterschiedlich weit fortgeschritten in ihrem Studium und von breit gefächerter Ausrichtung in ihren Interessenschwerpunkten.
3. Woher kam die Idee zu Bücher in Bewegung?
Die Idee zu Bücher in Bewegung kam mir unmittelbar, nachdem ich vor etwa einem Jahr ein BookCrossing-Buch in freier Wildbahn gefunden und mich mit der Plattform beschäftigt hatte.
Ich verbinde meine Theorieseminare immer mit einem praktischen Projekt, um die Lehrinhalte daran anschaulich zu machen. Oft - immer eigentlich - lerne ich dabei auch selbst viel Neues. Weil ich für das kommende Sommersemester ein Seminar zur Buch- und Archivgeschichte plante, lag es sofort nahe, dieses Seminar mit einem Projekt zu BookCrossing zu verbinden.
Bei BookCrossing versammeln sich viele Motive, die sich wie ein roter Faden in vielen Variationen durch die Buchgeschichte ziehen. Die Geste des Teilens von Büchern ist so alt, wie das Buch selbst. Die Idee, Bücher zu kategorisieren und zu adressieren hat eine lange Tradition in der Archivgeschichte. Globale, kollektive Aktivitäten mit einer diskursiven Onlineplattform zu verbinden, ist eine zeitgenössische Entwicklung in der Mediengeschichte. Schlussendlich kommt bei BookCrossing noch etwas hinzu, das ich noch nie in dieser Form in der Buchgeschichte beobachtet habe, sondern eher in der Geschichte der Flugblätter: Dass BookCrossing, die verteilte globale Bibliothek, isbs. in der „freie Wildbahn”-Variante mit großem Mut am Verschwinden eines großen Teils ihres Bestandes arbeitet.
Vielleicht liegt es an der Wandlung, die das Medium Buch zur Zeit durchläuft. Das elektronische Buch wird immer populärer und die allgegenwärtig schnelle Verfügbarkeit der Texte macht es nicht mehr so notwendig, ein privates Archiv zu Hause anzulegen. Das Weggeben eines gelesenen Buchs steigert die Freude am Erinnern und Wiederentdecken.
Vielleicht ist der Kauf eines Taschenbuchs aus Papier in einer Bahnhofsbücherei auf dem Weg, mit dem Kauf einer Kinokarte vergleichbar zu werden. Man zahlt einen verhältnismäßig erschwinglichen Betrag, erlebt eine Geschichte, lässt das Medium zurück - beispielsweise direkt im Zug - und erfreut sich nachher seiner Erinnerung und der Gespräche darüber…
4. Welche Erwartungen hattest Du in diesem Projekt?
Ich hatte die Erwartung, dass ich alle der oben genannten theoretischen Punkte an diesem Projekt gut werde festmachen können. Sie wurde deutlich übertroffen.
Der logistische und organisatorische Aufwand, der mit der Bewegung von Büchern einhergeht, den man im Abstrakten nur sehr schwer vermitteln kann, wurde hautnah von uns erlebt und mit großem Engagement bewältigt. Die Dynamik, die ein größeres Teamprojekt entwickelt, das aus mehreren Teilteams besteht, wurde mehr als deutlich. Niemand hat alles im Griff, niemand hat alles im Blick, nichts läuft genau so wie geplant und mit viel kreativer Energie, kontinuierlichem wie spontanem Einsatz und ein bisschen Glück wird das Ergebnis gut am Ende.
5. Wie wurde es von den Teilnehmern aufgenommen?
Es wurde in vieler Hinsicht sehr gut bis begeistert aufgenommen. Besonders gelobt wurde, dass die Verschiedenheit der einzelnen Teilteams die Verschiedenheit der Interessen und Talente der Seminarteilnehmer gut abgedeckt hat.
Etwas stillere Naturen, die sich bei Diskussionen zurückhalten, konnten sich bei der Konzeption einbringen. Leute, die sich gerne mit Texten beschäftigen, konnten an der Formulierung unserer Etiketten und Freilassnotizen feilen. Leute, die gerne Videos drehen, konnten sich in der Dokumentationsgruppe austoben usw. BookCrossing ist wirklich für sehr viele verschiedene Persönlichkeiten attraktiv.
Ich hatte nur einen Teilnehmer im Kurs, der BookCrossing langweilig und das „Herumrennen in der Stadt” nervig nannte, was mir nur zeigt, dass die Sache trotz der Vielseitigkeit ein klares Profil hat. Sobald etwas ein klares Profil hat, kann man auch klar dagegen gestimmt sein. Das gehört dazu.
6. Wie wurde das Freilassen von Büchern empfunden?
Den allermeisten hat es großen Spaß gemacht. Meine Designstudenten sind in aller Regel offen und experimentierfreudig, sodass sie sofort keinerlei Hemmungen hatten, sich auf diese Geste und deren Situationen einzulassen.
Obwohl wir nicht gerade schüchtern waren, z.B. indem wir Bücher unter die Auslagen von Kaufhäusern gejubelt haben, blieben Beschwerden oder überhaupt negative Reaktionen weitgehend aus. Das Freilassen von Büchern wird offensichtlich weitgehend als positive Geste wahrgenommen. Das zu erleben, war sehr schön.
7. Wie viele der Teilnehmer haben sich „anstecken lassen“?
Für Projekte mit Büchern braucht es Geduld. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Bücher sind das Marathonformat unter den Medien. Es braucht lange, sie zu schreiben, es braucht lange, sie zu lesen, und es braucht Zeit, bis sie Reaktionen hervorrufen, die man deutlich bewerten kann. Ich denke - oder hoffe - dass das Projekt viel mehr Leute viel nachhaltiger angesteckt hat, als ich es im Moment beurteilen kann.
Hier so viel, wie ich im Augenblick sagen kann: Etwa 25% der Teilnehmer haben BookCrossing eine tolle Sache genannt, die sie bisher nicht kannten und spannend finden. Etwa sieben Teilnehmer haben sich inzwischen ein eigenes Profil auf der Plattform angelegt. Ein Teilnehmer hat bereits damit begonnen, ein Projekt zu planen, bei dem er kollektive Gestaltung, BookCrossing und Geocashing verbinden will.
Das Projekt hat auch schon innerhalb der FH Düsseldorf jenseits des Seminars für Aufmerksamkeit gesorgt. Studenten eines anderen Kurses haben ein temporäres Bücherregal für Bücher zum Mitnehmen im Foyer der FH installiert und wurden dafür von uns mit Büchern beliefert, die wir übrig hatten. Wir haben nämlich einige hundert Bücher mehr als die geplanten 1.000 bei Antiquariaten eingesammelt. Leider wurden die Bücher für dieses Bücherregal nicht bei BookCrossing registriert, aus Zeitgründen; - das kann sich ändern, mit fortschreitender Ansteckung, mit der Zeit.
8. Das Top-Ereignis der ganzen Aktion war?
Das Projekt hat insgesamt so viele Highlights gehabt, dass es mir unmöglich ist, ein Top-Ereignis zu nennen. Also nenne ich zwei Highlights; eins lag am Beginn und eins in der Abschlussphase des Projekts.
Die Reaktion der Antiquariate auf unsere für unser Empfinden sehr dreiste Frage, ob man uns nicht 500 bis 1.000 Bücher für ein BookCrossing-Projekt schenken könne, hat uns schwer beeindruckt. Mit Freude an der Sache wurden wir eingeladen, in den Lagern zu stöbern und mitzunehmen, was wir wollten. Herzlichen Dank dafür noch einmal an dieser Stelle an die Antiquariate Wilde, Birkenstraße 48, 40233 Düsseldorf und Domain, Hakenstraße 10, 44139 Dortmund für die ergreifend großzügige Spende!
Zweitens haben wir uns darüber gefreut, dass Wyando, der umtriebige Maintainer der deutschen Supportsite bookcrossers.de und Autor des deutschen Bookcrossing-Blogs ballycumber.de, auf unser Projekt aufmerksam geworden ist, uns angeschrieben und angeboten hat, sich für ein Interview mit uns zu treffen. Vielen Dank dafür!
Die Fragen stelle Wyando.
/// Dieses Interview wurde am 16.09.2011 auf der Profilseite von Bücher in Bewegung (buecherin_b) bei BookCrossing veröffentlicht und für Umordnung leicht überarbeitet.