July 4, 2012
Mediales Verschwinden

// eine informationsgrafische Auseinandersetzung mit einer alten These

image

Abb. Weltkarte zum Stand des Verschwindens der Compakt Cassette (auf Schätzwerte zurückgehend). Erstellt von Theresia Binz, Jacqueline Czogalla, Johannes Henseler und Mona Matejic

Im Seminar Mediales Verschwinden beschäftigten wir uns mit einer These aus dem Jahr 1913, die unter dem Namen Rieplsches Gesetz bekannt geworden ist:

Andererseits ergibt sich gewissermaßen als ein Grundgesetz des Nachrichtenwesens, dass die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen. (Riepl 1913: 15)

In populärer Formulierung lautet es: „Kein neues Medium verdrängt die alten vollständig.“ Wir fragten uns: Stimmt das?

Nach heftigen Diskussionen um Mediendefinitionen und Recherchen in der Mediengeschichte kamen wir zu dem Ergebnis, dass es von der Mediendefinition abhängt, die man zugrunde legt, um zu entscheiden, ob man Riepls Gesetz für gültig erklärt oder nicht. In grober Annäherung stellten wir fest: Je abstrakter die Mediendefinition ist, die man zugrunde legt, desto wahrscheinlicher wird, dass Riepls Gesetz gültig ist.

Am Beispiel der Compact Cassette: Es scheint ziemlich sicher, dass die Compact Cassette auf dem Weg ist, zu verschwinden. Wenn man sie ein Medium nennt, dann hat Riepls Gesetz also schlechte Karten. Wenn man aber sagt, die Compact Cassette ist kein Medium, sondern ein Format, ein bestimmtes Design eines Mediums, und dieses Medium bleibt in anderen Designs erhalten, wenn die Compact Cassete verschwindet, sieht es für Riepls Gesetz gleich wieder besser aus. Je abstrakter man das Medium fasst, von dem die Compact Cassette ein Format ist (etwa als elektromagnetischen Speicher oder noch abstrakter als tertiären Speicher), desto wahrscheinlicher wird, dass es bestehen bleibt.

Um die Ergebnisse unserer Recherche zum Verschwinden medialer Formate darzustellen, habe ich die Erstellung einer „Weltkarte des medialen Verschwindens“ zum praktischen Projekt dieses Seminars gemacht. Oben abgebildet ist unsere Weltkarte zum Verschwinden der Compact Cassette. Es sind viele solcher Karten mehr entstanden. Zum Beispiel zum Röhrenfernseher, zur analogen Fotografie usw.

Dieses Projekt zeigte deutlich, wie Methoden der Informationsvisualisierung eingesetzt werden können, um Erkenntnisse sichtbar zu machen, und sogar, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, denn vorher war uns allen nicht so deutlich, dass die Verwertungsgebiete, von deren Änderung  Riepl spricht, nicht nur als Gebiete des Gebrauchs, sondern auch als Gebiete der Welt zu verstehen sind.

Das Seminar Mediales Verschwinden fand zusammen mit dem naturgemäß unvollendet gebliebenen Projekt, eine Weltkarte des Verschwindens zu erstellen im WS 2009 unter der Leitung von Thomas Goldstrasz an der FH Düsseldorf statt. Die Erstellung der Karten musste in der Regel mangels Daten sowie mangels Zeit und Infrastruktur auf teilweise recht grobe Schätzungen zurückgehen, weshalb sie eher Tendenzen möglicher Arbeitshypothesen einer möglichen, im Rahmen eines Seminars nicht durchführbaren Studie visualisieren, denn tatsächlich wissenschaftlich vollgültige Ergebnisse. Nebenbei spiegeln sie in den Schätzungen das mediale Weltbild der Studierenden wider, das so während der Präsentation im Seminar anschaulich diskutiert werden konnte. 

/// Eine umfangreiche Dokumentation der Ergebnisse des Seminars und der Diskussionen darin kann auf der hochschulübergreifenden Seminarplattform iversity.org unter Mediales Verschwinden / iversity eingesehen werden.

June 14, 2012
nimm mich, lies mich, lass mich frei

// Bücher in Bewegung im Interview

Abb. Der Mann im Fisch in der Bratpfanne. Releasefoto zur Freilassaktion in Kaufhäusern. Foto: buecherin_b

1. Was ist Bücher in Bewegung?

Bücher in Bewegung (buecherin_b) war ein Projekt mit BookCrossing, das im Rahmen eines Seminars zur Mediengeschichte und Medientheorie am Fachbereich Design der FH Düsseldorf während des Sommersemesters 2011 durchgeführt wurde.

Wir haben dafür 1.000 Bücher aus Antiquariaten gesammelt, diese Bücher mit eigens für das Projekt von uns neu gestalteten und neu getexteten Etiketten versehen, sie bei BookCrossing registriert und sie in fünf Schüben an fünf verschiedenen Ortstypen in Düsseldorf freigelassen.

i. Warteorte (Haltestellen, Wartezimmer …)
ii. Flanierorte (Parks, Einkaufszonen …)
iii. 25. Bücherbummel auf der Kö (vgl.)
iv. Kaufhäuser (Auslagen, Umkleidekabinen …)
v. Rheinpromenade (Paul-Lehr-Ufer)

Ein Webalbum mit unseren Etiketten, Screenshots und Releasefotos findet sich bei Picasa unter Buecherin_B Düsseldorf. Und bei Vimeo finden sich drei Videoclips zu unseren Aktionen: Nummer eins zu den Vorbereitungen, Nummer zwei zum Release in Kaufhäusern und Nummer drei zum Release beim Arbeitsamt.

Wir haben die Aktion mit einer kleinen Forschungsfrage verbunden: Bei welchem Typ von Orten kommt das meiste Feedback in Form von Journaleinträgen?

Dass Ortstypen einen Unterschied beim BookCrossing machen, war uns intuitiv klar. Aber bei unserer Prognose lagen wir dennoch daneben. Wir haben vermutet, dass der Release auf dem Bücherbummel das meiste Feedback einbringen würde, weil dort mit der größten Dichte von Bücherliebhabern zu rechnen war, gefolgt von den Warteorten, weil wir meinten, dass dort die größte Menge von frei umherschweifender Aufmerksamkeit auf die freigelassenen Bücher treffen würde.

Tatsächlich haben die Flanierorte prozentual das meiste Feedback eingebracht, gefolgt von den Warteorten, gefolgt von den Kaufhäusern. Der Bücherbummel brachte die wenigsten Journaleinträge.

Natürlich war das keine Studie, die allen wissenschaftlichen Standards genügte. Das wäre im Rahmen eines Seminars unmöglich gewesen und war auch nicht die Absicht. Ziel war es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie man präzise Fragen an die Mediengeschichte formulieren kann; und es war interessant, einmal einen empirischen Ansatz zu entwickeln innerhalb einer Disziplin, die normalerweise Texte befragt. Das Ergebnis unseres kleinen Experiments lieferte immerhin eine Ahnung der Richtung, in die man weiter fragen könnte.

2. Wer bist Du? Und wer sind die Teilnehmer?

Mein Name ist Thomas Goldstrasz. Ich bin Dozent für Medientheorie, Medienästhetik und Mediengeschichte am Fachbereich Design der FH Düsseldorf. Ich habe das Seminar geleitet und das Projekt initiiert.

Teilgenommen haben 48 Studentinnen und Studenten, größtenteils aus dem Bereich Kommunikationsdesign. Sie waren unterschiedlich weit fortgeschritten in ihrem Studium und von breit gefächerter Ausrichtung in ihren Interessenschwerpunkten.

3. Woher kam die Idee zu Bücher in Bewegung?

Die Idee zu Bücher in Bewegung kam mir unmittelbar, nachdem ich vor etwa einem Jahr ein BookCrossing-Buch in freier Wildbahn gefunden und mich mit der Plattform beschäftigt hatte.

Ich verbinde meine Theorieseminare immer mit einem praktischen Projekt, um die Lehrinhalte daran anschaulich zu machen. Oft - immer eigentlich - lerne ich dabei auch selbst viel Neues. Weil ich für das kommende Sommersemester ein Seminar zur Buch- und Archivgeschichte plante, lag es sofort nahe, dieses Seminar mit einem Projekt zu BookCrossing zu verbinden.

Bei BookCrossing versammeln sich viele Motive, die sich wie ein roter Faden in vielen Variationen durch die Buchgeschichte ziehen. Die Geste des Teilens von Büchern ist so alt, wie das Buch selbst. Die Idee, Bücher zu kategorisieren und zu adressieren hat eine lange Tradition in der Archivgeschichte. Globale, kollektive Aktivitäten mit einer diskursiven Onlineplattform zu verbinden, ist eine zeitgenössische Entwicklung in der Mediengeschichte. Schlussendlich kommt bei BookCrossing noch etwas hinzu, das ich noch nie in dieser Form in der Buchgeschichte beobachtet habe, sondern eher in der Geschichte der Flugblätter: Dass BookCrossing, die verteilte globale Bibliothek, isbs. in der „freie Wildbahn”-Variante mit großem Mut am Verschwinden eines großen Teils ihres Bestandes arbeitet.

Vielleicht liegt es an der Wandlung, die das Medium Buch zur Zeit durchläuft. Das elektronische Buch wird immer populärer und die allgegenwärtig schnelle Verfügbarkeit der Texte macht es nicht mehr so notwendig, ein privates Archiv zu Hause anzulegen. Das Weggeben eines gelesenen Buchs steigert die Freude am Erinnern und Wiederentdecken.

Vielleicht ist der Kauf eines Taschenbuchs aus Papier in einer Bahnhofsbücherei auf dem Weg, mit dem Kauf einer Kinokarte vergleichbar zu werden. Man zahlt einen verhältnismäßig erschwinglichen Betrag, erlebt eine Geschichte, lässt das Medium zurück - beispielsweise direkt im Zug - und erfreut sich nachher seiner Erinnerung und der Gespräche darüber…

4. Welche Erwartungen hattest Du in diesem Projekt?

Ich hatte die Erwartung, dass ich alle der oben genannten theoretischen Punkte an diesem Projekt gut werde festmachen können. Sie wurde deutlich übertroffen.

Der logistische und organisatorische Aufwand, der mit der Bewegung von Büchern einhergeht, den man im Abstrakten nur sehr schwer vermitteln kann, wurde hautnah von uns erlebt und mit großem Engagement bewältigt. Die Dynamik, die ein größeres Teamprojekt entwickelt, das aus mehreren Teilteams besteht, wurde mehr als deutlich. Niemand hat alles im Griff, niemand hat alles im Blick, nichts läuft genau so wie geplant und mit viel kreativer Energie, kontinuierlichem wie spontanem Einsatz und ein bisschen Glück wird das Ergebnis gut am Ende.

5. Wie wurde es von den Teilnehmern aufgenommen?

Es wurde in vieler Hinsicht sehr gut bis begeistert aufgenommen. Besonders gelobt wurde, dass die Verschiedenheit der einzelnen Teilteams die Verschiedenheit der Interessen und Talente der Seminarteilnehmer gut abgedeckt hat.

Etwas stillere Naturen, die sich bei Diskussionen zurückhalten, konnten sich bei der Konzeption einbringen. Leute, die sich gerne mit Texten beschäftigen, konnten an der Formulierung unserer Etiketten und Freilassnotizen feilen. Leute, die gerne Videos drehen, konnten sich in der Dokumentationsgruppe austoben usw. BookCrossing ist wirklich für sehr viele verschiedene Persönlichkeiten attraktiv.

Ich hatte nur einen Teilnehmer im Kurs, der BookCrossing langweilig und das „Herumrennen in der Stadt” nervig nannte, was mir nur zeigt, dass die Sache trotz der Vielseitigkeit ein klares Profil hat. Sobald etwas ein klares Profil hat, kann man auch klar dagegen gestimmt sein. Das gehört dazu.

6. Wie wurde das Freilassen von Büchern empfunden?

Den allermeisten hat es großen Spaß gemacht. Meine Designstudenten sind in aller Regel offen und experimentierfreudig, sodass sie sofort keinerlei Hemmungen hatten, sich auf diese Geste und deren Situationen einzulassen.

Obwohl wir nicht gerade schüchtern waren, z.B. indem wir Bücher unter die Auslagen von Kaufhäusern gejubelt haben, blieben Beschwerden oder überhaupt negative Reaktionen weitgehend aus. Das Freilassen von Büchern wird offensichtlich weitgehend als positive Geste wahrgenommen. Das zu erleben, war sehr schön.

7. Wie viele der Teilnehmer haben sich „anstecken lassen“?

Für Projekte mit Büchern braucht es Geduld. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Bücher sind das Marathonformat unter den Medien. Es braucht lange, sie zu schreiben, es braucht lange, sie zu lesen, und es braucht Zeit, bis sie Reaktionen hervorrufen, die man deutlich bewerten kann. Ich denke - oder hoffe - dass das Projekt viel mehr Leute viel nachhaltiger angesteckt hat, als ich es im Moment beurteilen kann.

Hier so viel, wie ich im Augenblick sagen kann: Etwa 25% der Teilnehmer haben BookCrossing eine tolle Sache genannt, die sie bisher nicht kannten und spannend finden. Etwa sieben Teilnehmer haben sich inzwischen ein eigenes Profil auf der Plattform angelegt. Ein Teilnehmer hat bereits damit begonnen, ein Projekt zu planen, bei dem er kollektive Gestaltung, BookCrossing und Geocashing verbinden will.

Das Projekt hat auch schon innerhalb der FH Düsseldorf jenseits des Seminars für Aufmerksamkeit gesorgt. Studenten eines anderen Kurses haben ein temporäres Bücherregal für Bücher zum Mitnehmen im Foyer der FH installiert und wurden dafür von uns mit Büchern beliefert, die wir übrig hatten. Wir haben nämlich einige hundert Bücher mehr als die geplanten 1.000 bei Antiquariaten eingesammelt. Leider wurden die Bücher für dieses Bücherregal nicht bei BookCrossing registriert, aus Zeitgründen; - das kann sich ändern, mit fortschreitender Ansteckung, mit der Zeit.

8. Das Top-Ereignis der ganzen Aktion war?

Das Projekt hat insgesamt so viele Highlights gehabt, dass es mir unmöglich ist, ein Top-Ereignis zu nennen. Also nenne ich zwei Highlights; eins lag am Beginn und eins in der Abschlussphase des Projekts.

Die Reaktion der Antiquariate auf unsere für unser Empfinden sehr dreiste Frage, ob man uns nicht 500 bis 1.000 Bücher für ein BookCrossing-Projekt schenken könne, hat uns schwer beeindruckt. Mit Freude an der Sache wurden wir eingeladen, in den Lagern zu stöbern und mitzunehmen, was wir wollten. Herzlichen Dank dafür noch einmal an dieser Stelle an die Antiquariate Wilde, Birkenstraße 48, 40233 Düsseldorf und Domain, Hakenstraße 10, 44139 Dortmund für die ergreifend großzügige Spende!

Zweitens haben wir uns darüber gefreut, dass Wyando, der umtriebige Maintainer der deutschen Supportsite bookcrossers.de und Autor des deutschen Bookcrossing-Blogs ballycumber.de, auf unser Projekt aufmerksam geworden ist, uns angeschrieben und angeboten hat, sich für ein Interview mit uns zu treffen. Vielen Dank dafür!

Die Fragen stelle Wyando.

/// Dieses Interview wurde am 16.09.2011 auf der Profilseite von Bücher in Bewegung (buecherin_b) bei BookCrossing veröffentlicht und für Umordnung leicht überarbeitet.

May 5, 2012
W.A.S.T.E. Revisited

// eine Dokumentation für die Ausstellung Video Site II - 04.05. bis 11.05.2012 in der Filmwerkstatt Düsseldorf

Abb. Die W.A.S.T.E. Kartei im Einsatz. Foto: Johannes Henseler

Am 05.02.2009 liefen 68 junge Leute algorithmisch durch Düsseldorf. Dabei haben sie jede Kreuzung, an der sie abgebogen sind, beschrieben, indem sie Textfragmente aus einer Textbausteinkartei kombinierten und durch das Austauschen einiger Wörter an die jeweilige Situation anpassten. Die entstandenen Texte wurden von Hand auf Postkarten festgehalten.

W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience - war ein Workshop im Rahmen des Seminars Medienkunstmomente (WS 08/09, FHD FB Design) unter der Leitung von Thomas Goldstrasz. Das Projekt wird für die Ausstellung Video Site II erstmals umfassend und nachvollziehbar dokumentert. Das bietet sich an, denn mit W.A.S.T.E. sind wir Dingen auf der Spur gewesen, die genau das Interesse von Video Site II treffen. Die algorithmischen Spaziergänge, die wir gelaufen sind, gehen auf die situationistische Technik des Umherschweifens zurück. Und mit dem Umherschweifen hatten die Situationisten nichts anderes im Sinn, als Strategien der Rückeroberung selbstbestimmteren Wahrnehmens und Erlebens städtischer Phänomene zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gerade nämlich, indem man sich selbstbestimmt einem Algorithmus unterwirft, um die Stadt zu durchwandern, gelingt es, sich von seinem alltäglichen Wahrnehmungstrott zu lösen und offen zu sein für neue Beobachtungen. Wenn man dann darüber hinaus dazu angehalten ist, Texte herzustellen, um die Beobachtungen festzuhalten, ist selbstbestimmtes Augen aufmachen geradezu vorprogrammiert…

W.A.S.T.E. war eine vielschichtige Aktion, weshalb sich die Dokumentation bei Posterous in verschiedene Themenbereiche gliedert, die sich nach den dort benutzten Tags sortieren lassen:

» W.A.S.T.E. Algorithmen erklärt die Art, wie spazieren gegangen wurde. Es wird die psychogeografische Umherschweiftechnik namens dot.walk vorgestellt und erklärt, wie wir sie eingesetzt haben.

» W.A.S.T.E. Kartei erklärt die halbautomatische Textherstellungskomponente des Projekts. Sie geht auf das Ideenmagazin von Heinrich von Kleist zurück. Wie? Das wird gezeigt.

» W.A.S.T.E. Probeläufe beschreiben unsere ersten Gehversuche, algorithmisch mit einer Textkartei spazieren zu gehen.

» W.A.S.T.E. Logo ist die Kategorie für unsere Hintergrundgeschichte und unsere formal postialischen Konventionen.

» W.A.S.E. Map dokumentiert den Weg, den wir am 05.02.2009 - mehr oder minder streng - algorithmisch zurückgelegt haben und wecken hoffentlich das Interesse, es einmal selber auszuprobieren.

» W.A.S.T.E. Texte führt zum Archiv unserer Stadt- und Situationsbeschreibungen, die wir mit Hilfe unserer Textkartei - mehr oder minder textgetreu - hergestellt haben.

Es ist nicht nötig, beim Stöbern in W.A.S.T.E. revisited eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, sich selbstbestimmt einen Weg durch diese Geschichte zu bahnen. Bitte schweifen Sie umher! // Thomas Goldstrasz

Einen Aufsatz über den situationistischen Hintergrund des algorithmischen Umherschweifens gibt es bei Umordnung unter: W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience.

/// W.A.S.T.E. revisited wurde am 04.05.2012 unter textwalk.posterous.com ins Netz gestellt. Anlass war die Ausstellung Video Site II in der Filmwerkstatt Düsseldorf.

October 27, 2011
Karte und Botschaft

// Jed Martinesken

Guben, Crossen, Sommerfeld (1936). Foto: Thomas Böcker

Abb. Martineske # 1. KARTE: Reichskarte, Einheitsblatt 78 (Guben - Crossen - Sommerfeld), Verlag des Reichsamts für Landesaufnahme, 1936. FOTO: Thomas Böcker

Karte und Botschaft ist ein Versuch, die fotografische Ästhetik von Jed Martin nachzuempfinden.  Jed Martin ist der Held des Romans Karte und Gebiet (2011) von Michel Houellebecq. Darin wird der Künstler Jed Martin damit weltberühmt und steinreich, dass er Straßenkarten von Michelin fotografisch und photoshoptechnisch verfremdet und sie als großformatige Abzüge in kunstzentralen Pariser Galerien ausstellt. Weil Jed Martin und seine Bilder reine Fiktion sind, interessieren wir uns dafür, wie eine Jed Martineske Kartenkunst wohl real aussehen könnte…

Houellebecq ist in Karte und Gebiet einigermaßen sparsam mit Hinweisen darauf, wie man sich die Michelinarbeiten von Jed Martin vorzustellen hat:

[Jed Martin] hatte für die Ausstellung einen Ausschnitt aus der Michelin-Karte der Creuse ausgesucht, in dem das Dorf seiner Großmutter verzeichnet war. Er hatte eine stark geneigte optische Achse gewählt, einen Winkel von dreißig Grad zur Horizontalen, und die Filmstandarte für größtmögliche Tiefenschärfe maximal gekippt. Anschließend hatte er mit Hilfe von Photoshop-Filtern eine Entfernungsunschärfe und einen bläulichen Effekt am Horizont erzielt. Im Vordergrund sah man den See von Breuil und das Dorf Châtelus-le-Marcheix. Weiter hinten führten zwischen den Dörfern Saint-Goussaud, Laurière und Jabreilles-les-Bordes gewundene Straßen durch die Wälder, die wie eine unantastbare, feenhafte Traumlandschaft wirkten. Hinten links im Bild konnte man das wie aus einer Nebelbank auftauchende rot-weiße Band der Autobahn A20 erkennen. [S. 63]

In der oben vorbereiteten Ausstellung wirken seine inszenierten Bilder dann so: Der Eingang zur Ausstellung war halb von einer großen Tafel versperrt, die zu beiden Seiten einen Durchgang von zwei Metern Breite frei ließ und auf der nebeneinander ein Satellitenfoto von der Umgebung des Großen Belchen und die Vergrößerung einer Michelin-Departementalkarte vom selben Gebiet zu sehen waren. Der Kontrast war frappierend: Während auf dem Satellitenfoto nur eine Suppe aus mit verschwommenen bläulichen Flecken übersäten, mehr oder weniger einheitlichen Grüntönen zu erkennen war, zeigte die Karte ein faszinierendes Netz von Landstraßen, landschaftlich schönen Strecken, Aussichtspunkten, Wäldern, Seen und Pässen. Über den beiden Fotos stand in schwarzen Lettern der Titel der Ausstellung: »DIE KARTE IST INTERESSANTER ALS DAS GEBIET.« - Im eigentlichen Ausstellungsraum hatte Jed an großen, mobilen Stellwänden etwa dreißig großformatige Fotos aufgehängt – die ausschließlich Departementalkarten von Michelin zum Gegenstand hatten, dabei aber die unterschiedlichsten geographischen Bereiche abdeckten, vom Hochgebirge bis zur bretonischen Küste, von der normannischen Bocage-Landschaft bis zu den Getreideanbaugebieten im Departement Eure-et-Loir. [S. 90f.]

Etliche Seiten im Buch und Zeiten in der Geschichte später taucht noch einmal die Beschreibung einer Michelin-Fotografie Martins auf, vermittelt über einen Fernsehbericht: Erstaunlicherweise hatte der Fernsehmoderator keine der spektakulären Aufnahmen mit ins Auge springender malerischer Wirkung gewählt wie jene, die Jed von der Steilküste im Var oder von der Verdonschlucht gemacht hatte. Das Foto, das die Umgebung rings um Gournay-en-Bray wiedergab, war eher monoton gestaltet, ohne dass durch die Beleuchtung oder die Perspektive ein besonderer Effekt erzielt wurde; Jed erinnerte sich noch, dass er es exakt aus der Vertikalen aufgenommen hatte. Die weißen, grünen und braunen Flecken waren gleichmäßig verteilt und vom symmetrischen Netz der Landstraßen durchzogen. Keine Ortschaft hob sich deutlich hervor, alle schienen in etwa die gleiche Größe zu haben; das Ganze vermittelte den Eindruck von Ruhe und Ausgeglichenheit, es hatte fast etwas Abstraktes. [S. 233]

Im Projekt Karte und Botschaft wollen wir verfremdete Fotos von Land- und Straßenkarten herstellen, indem wir diesen Hinweisen Houellebecqs phantasievoll folgen, um Jed Martins Kartenkunst auf die Spur zu kommen. Das Projekt findet im derzeit laufenden Semester am Fachbereich Design der FH D statt, wird von Thomas Goldstrasz geleitet und von Thomas Böcker mit fototechnischer Expertise unterstützt. Es besteht aus zehn Arbeitsgruppen, die jeweils eine bestimmte Sorte von Karten zum Thema haben und ein martineskes Foto dazu im projektbegleitenden Blog veröffentlichen werden. Bis zum 31.01.2012 sollen dort also mindestens zehn Jed Martinesken erscheinen.

Bitte, liebe Tumblrgemeinschaft: Spart dort nicht mit Likes, wenn es Euch gefällt. Das wird uns helfen. Das wird uns freuen!  // Thomas Goldstrasz

Der Roman Karte und Gebiet von Michel Houellebecq ist 2011 bei DuMont Köln erschienen. Das französische Original wurde 2010 unter dem Titel La Carte et le Territoire von Flammarion Paris veröffentlicht.

/// Erscheint kontinuierlich im Blog Karte und Botschaft, FH D im Wintersemester 2011/12