October 10, 2011
Nichterschienen

// ein Streit zwischen Nikolaus und Schülern, ein Schlagersänger an der Spree oder Sprücheklopfen vorm Männerklo

Urinale

Noch ist nichts los, manchmal aber müssen Männer dafür Schlange stehen. Foto: iStockphoto.com/kickstand

11.20 UHR, IM SUPERMARKT. Kurz hinter dem Eingang, gegenüber der Kassenzeile, befindet sich die Theke eines Bäckers. Direkt daneben haben sich drei Nikoläuse und eine Nikoläusin postiert. Sie tragen rote Filzmützen und ansonsten ganz normale Straßenkleidung. Neben ihnen stehen große Kisten mit vielen kulturbeutelgroßen roten Filzstiefeln darin, die prall mit Süßigkeiten und Erfrischungsgetränken gefüllt sind. Nach und nach verteilen sie diese Stiefel mit den Worten: “Bitteschön! Ein kleines Geschenk vom Nikolaus für Sie” an die vorbeilaufende Kundschaft. Es ist nicht viel los. An der Theke des Bäckers stehen zwei Kunden und warten auf die Bäckerin, die im Moment frische Brötchen aus dem Ofen holt. Einer trägt einen schwarzen Parka, der andere, es ist ein ziemlich junger Mann, eine dunkelbraune Cordjacke und eine schwer gefüllte Umhängetasche. In dem Moment, als die Bäckerin sich umdreht, um den Kunden im Parka zu bedienen, stürmt eine Gruppe von etwa zehn Schülern den Supermarkt und bewegt sich zielstrebig auf die Nikoläuse zu. Sofort werden sie von ihnen mit Geschenk-Stiefeln versorgt. Als einige der Schüler damit beginnen, ihren Stiefel unter der Jacke zu verstecken, um sich einen zweiten zu besorgen, gibt es laute Diskussionen. Man hört: “Jeder kriegt nur einen! Damit das klar ist!” Ein Nikolaus sagt zu einem großen Jungen: “Du hast sogar schon zwei. Das sehe ich doch!” und “Jetzt ist aber Schluss hier.” Inzwischen hat einer der Schüler den Inhalt seines Stiefels inspiziert. Er zeigt eine kleine Plastikdose hoch, die laut Verpackung dazu geeignet ist, gepresste Kartoffelchips für zwischendurch zu enthalten, und ruft: “Guckt mal! Leer. Das sind ja Betrüger hier!” - “Der Nikolaus ist ein Betrüger.” Der Kunde im Parka wird durch den plötzlichen Rummel sichtlich nervös. Er zahlt hektisch sein Plundergebäck und vergisst seine 56 Pfennig Wechselgeld beim Herauseilen auf der Theke. Während der Kunde mit der Umhängetasche seine Brötchen bekommt, verschwinden die Schüler kurz nacheinander wieder aus dem Supermarkt. Die ursprüngliche Ruhe ist schnell wieder da. Der Kunde bezahlt, stopft seine Brötchen in die Tasche und will gehen. Da hält ihm die Nikoläusin einen der Geschenk-Stiefel hin und sagt ihren Satz: “Bitteschön! Ein kleines Geschenk vom Nikolaus für Sie.” Er bleibt stehen und antwortet: “Du hast mir doch schon eben - beim Reingehen - einen gegeben. Erinnerst Du Dich nicht?” Die Nikoläusin stutzt: “Ach!” Der Kunde öffnet kurz seine Umhängetasche, hebt die Tüte mit den Brötchen an, sodass ein Stück seines Geschenk-Stiefels zu sehen ist. “Oke! Ich glaub’s ja”, sagt die Nikoläusin dann, “Kannst gehen.” 11.27 UHR. // tsz

11.40 UHR, LUSTGARTEN. Das Alte Museum in der Mittagssonne. Auf dem Gebälk achtzehn verrußte Sandsteinadler. Auf dem ganz linken sitzt ein Vogel. Achtzehn Säulen, deren schlanke Schäfte mit unterschiedlich alten Vierungen übersät sind, liefern ein verwirrendes Schattenspiel. Der unbeschädigte Sockel, der die Säulen trägt, ist gleichmäßig sandfarben hell. Die breite, 21-stufige Treppe, die zum verglasten Eingang führt, wird von zwei hohen, kupfergrünen Skulpturen flankiert. Rechts eine behelmte Amazone zu Pferd. Links ein ebenfalls berittener, aber unbehelmter Krieger. Beide sind damit beschäftigt, ein wildes Tier mit Hilfe eines Speeres zu erlegen. Vor dem Sockel des Kriegers hockt ein Tourist und visiert mit seinem Fotoapparat ein Grüppchen aus Frauen und Kindern an, das sich, einander umarmend, vor dem Sockel der Amazone aufgestellt hat. Laut rufend gibt er ihnen Anweisungen: “Jetzt rückt doch mal näher zusammen!” “Hey, Iris, nimm die Jacke von der Schulter!” - Ein langer und langhaariger Jugendlicher in einer hellen Hose mit weitem Schlag und ärmellosem T-Shirt läuft mit schnellen Schritten auf die Museumstreppe zu. Er trägt einen hellgrünen Militärrucksack, an einem der beiden Tragriemen geschultert. Als er kurz vor der Treppe angekommen ist, streckt ihm der fotografierende Tourist die geöffnete Handfläche entgegen, zum Zeichen, dass er ihm jetzt bitte nicht ins Bild laufen soll. Der Jugendliche hält an, nickt kurz, kniet sich hin, setzt seinen Rucksack ab und kramt daraus eine Schachtel Zigaretten und ein Zippo-Feuerzeug hervor. Er stellt sich aufrecht und zieht mit den Lippen eine Zigarette aus der Schachtel. Mit einer schnellen am Hosenbein reibenden Aufwärtsbewegung öffnet er die Klappe seines blitzenden Feuerzeugs, nach einer schnellen am Hosenbein reibenden Abwärtsbewegung brennt es schon. Mit schräger Kopfhaltung steckt er sich die Zigarette an. Danach schließt er mit einer erst schnell werfenden, dann ruckartig stoppenden Bewegung aus dem Handgelenk sein Zippo wieder, lässt es auf den Rucksack fallen und stützt die so frei gewordene Hand in die Hüfte. Der Tourist schießt die Fotos, nimmt die Kamera herunter, beschäftigt sich mit seinem Objektiv. Das fotografierte Grüppchen ist dabei, sich aufzulösen. Nach einem Zug von der Zigarette kniet sich der Jugendliche wieder hin, packt Zippo und Schachtel in den Rucksack, schultert ihn und beginnt, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zum Alten Museum hinaufzusteigen. 11.43 UHR. // tsz

15.35 UHR, TREPTOWER PARK. Aus den Lautsprecherboxen, die wie kleine Laternen direkt am Ufer der Spree stehen, donnert ein Schlager: “Liebe geht im Herzen los, frag mich nicht, wie kommt das bloß. Liebe geht im Herzen los, fängt klein an und wird ganz groß.” Der kleine untersetzte DJ mit dem faltigen Gesicht, dem taubenblauen Glitzerhemd und der bordeauxroten Seidenkrawatte mit Klarinettenmotiv singt jedes Wort mit. Auf den Bänken am Bierstand wird gehopst und geschunkelt. Der DJ hebt sich ein Mikrofon mit riesengroßem, hellorangefarbenem Schaumstoffschutz vor den Mund, dreht die Musik ein wenig leiser und sagt: “Übrigens sucht der kleine Jan-Paul seine Mutter. Jan-Paul Kowalski. - Frau Kowalskiiii! Ja, wo sind Sie bloß?” Dann dreht er die Musik wieder auf. Auf den Bänken am Bierstand wird gelacht, und alles guckt den kleinen Jan-Paul an. Der kleine Jan-Paul versteckt sich hinter den Röcken zweier Frauen, die dicht nebeneinander bei ihm stehen, um sich herumspähen und sich ständig gegenseitig auf etwas aufmerksam machen. Beim nächsten Lied, “Willkommen im Gute-Laune-Land”, ruft der DJ: “Der kleine Jan-Paul Kowalski sucht seine Mutti!” “Muttiiii, komm doch zu uns!” “Wir hoffen, dass Jan-Pauls Mutti bald kommt, zu uns ins Gute-Laune-Land, hier am Stand von König Pilsener.” - Während der Satz “Dann geht das Happy-Power-Feeling richtig los” gesungen wird, hängt eine große blonde Frau mit struppigem Kurzhaarschnitt dem kleinen Jan-Paul ein Lebkuchenherz um den Hals und gibt ihm einen Kuss. Am Steg, hinter der blonden Frau, liegen zwei Schiffe. Eins heißt “Frohsinn”, das daneben “Heiterkeit”. 15.42 UHR. // tsz

22.10 UHR, KINO INTERNATIONAL. Die enge Herrentoilette - es ist die einzige des Kinos - besteht aus zwei Räumen. Im vorderen sind zwei kleine Waschbecken angebracht, im hinteren befinden sich zwei WC-Kabinen und fünf Urinale. Eins der Urinale ist für die Kleinen ein wenig tiefer gehängt. Vor sämtlichen Urinalen lösen sich die Männer nahtlos ab, derjenige vor dem niedrigeren Urinal geht jeweils ein bisschen in die Knie. Auch die beiden WC-Kabinen werden ständig neu besetzt. Im Raum mit dem Waschbecken knubbeln sich die Herren, die hinauswollen, mit denjenigen, die sich vor dem Hinausgehen noch die Hände waschen, mit denjenigen, die hineinwollen. Dabei kommt es manchmal zu einem leichten Gerangel, das immer schweigend und oft mit einem flüchtigen Nicken oder Lächeln aufgelöst wird. Vor dem schmalen Eingang der Toilette bildet sich eine Schlange, die trotz des zügigen Ablaufs immer länger wird. Ein mittelgroßer rothaarig gelockter Mann in kräftig blau leuchtender Gore Tex Jacke stellt sich an. Sofort ordnet sich hinter ihm ein über zwei Meter großer Riese mit langen schwarzen Haaren und Bart in die Schlange ein. Sekunden später kommt dahinter ein in eleganten Herrenmantel und edlen Schal gehüllter Mann zum Stehen. Der Rothaarige springt von einem Fuß auf den anderen, dreht sich zu dem Riesen um, tritt danach einen Schritt aus der Reihe und schaut dem Eleganten ins Gesicht. Er beginnt zu kichern: “So was kennt man ja normalerweise nur vom Frauenklo! Schlangestehen. Jetzt machen wirs den Frauen nach. Ich halts nicht aus. - Das ist ja ganz unglaublich.” Der Riese fokussiert den Rothaarigen, runzelt mit den Augenbrauen, verfinstert sein sowieso schon finsteres Gesicht noch um eine Nuance mehr, schaut wieder weg und beachtet ihn danach nicht weiter. Noch viel sparsamer reagiert der Elegante. Nur seine Mundwinkel zucken einmal leicht. Der Rothaarige hibbelt und kichert weiter. Er wiederholt etwas lauter: “Das ist ja wrklich unglaublich hier. Wie vorm Frauenklo.” Aber die Männer, die sich inzwischen hinter dem Eleganten angestellt haben, achten noch weniger auf ihn. Niemand vor ihm dreht sich um. Nach ein paar weiteren erfolglosen Versuchen jemanden anzukichern, wird er zurückhaltender. “Hat was!” sagt er noch, dann sagt er nichts mehr. Er dreht sich nicht mehr um und schaut niemanden mehr an. Im Schnitt alle zehn Sekunden geht es einen Schritt vorwärts, dann kann der nächste Mann ans Urinal. Niemand spricht. Nur die Geräusche der WC-Spülungen und des Händewaschens sind regelmäßig zu hören. Als der Rothaarige nach zwei Minuten Schlangestehens und Schweigens an die Reihe kommt, dreht er sich noch einmal um, kichert leise, nickt dem Riesen zu: “Doch, doch! Das hat was!” und tänzelt zum frei gewordenen Kinderurinal. 22.13 UHR. // tsz

Diese Kolumnen entstanden zwischen Anfang 2001 und Juni 2002 an vier unterschiedlichen Tagen für die damalige Rubrik »Webcam« der Berliner Seiten der FAZ. Nichterschienen weil: in dieser Zeit mehr Berliner Momente mitgeschrieben worden sind, als es für die Berliner Seiten Tage gab. 

/// Erschienen unter dem Titel Berlin, beobachtet bei Nichterschienen, Mai 2009