March 8, 2012
»Mit der gelassenen Ruhe großer Revolutionäre« (Le Monde)

// Michel Houellebecqs Roman Karte und Gebiet als Gemeinplatz zur aktuellen Fotografie gelesen

Abb. Michelin, Départements France № 325: Creuse, Haute-Vienne, Abschn. E/F-7/8. Fotografiert von Sinaida Michalskaja

Gilbert Adair, ein englischer Kollege Michel Houellebecqs, hat in einen seiner jüngeren kriminalironischen Romane ungefähr den folgenden Satz hineingeschrieben: Literatur endet nicht, wenn niemand mehr schreibt, sondern wenn alle schreiben. Er meinte damit das allgemeine Posten - Wordpressen, Tumblrn, Twittern, Facebooken, Instagrammen. Das Schreiben und Fotografieren aller für alle, das aktuell so allgegenwärtig ist, dass niemand jemandem etwas Endgültiges dazu zu sagen hat. Adair schrieb gleich im Anschluss an seinen Satz vom Ende der Literatur durch das Schreiben aller für alle, dass er diesen Kalauer am liebsten sofort wieder streichen wolle, weil er irgendwie bestimmt nicht stimmen würde. Er ließe ihn aber trotzdem stehen, denn der Krimi sei schließlich eines der schlechthinnigsten Gemeintplatzgenres, und in einem kriminalironischen Roman sei der hanebüchen übertriebene Gemeinplatz der beste Gemeinplatz überhaupt. Er würde der Leserin und dem Leser sicher irgend etwas zeigend vor Augen führen. Den meisten wenigstens, irgendwie bestimmt, vielleicht.

Michel Houellebecq, ein französischer Kollege Gilbert Adairs, hat in seinem jüngsten Roman Karte und Gebiet (2011), der unter anderem auch ein kriminalironischer Roman ist, genau den gegenteiligen Gemeinplatz hanebüchen übertrieben ausbuchstabiert. Die Fotografie, speziell die Fotografie als Kunstform, zeigt sich darin vollkommen unbeeindruckt von der aktuellen Allgegenwart der Angst professioneller Fotografen, dass die Fotografie enden könnte, wenn alle für alle fotografieren. Karte und Gebiet erzählt die frei erfundene Geschichte des Pariser Künstlers Jed Martin, der etwa in der frühen Mitte der 1970er Jahre geboren wird und dann, bis irgendwann, Schritt für Schritt so gut wie jeden planen Gemeinplatz bespielt, den der gemeine Künstler und die gewohnte Kunstwelt als Klischee und Vorstellung zu bieten haben:

Als Jed sein Kunststudium an der Pariser École des Beaux-Arts begann, hatte er das Zeichnen bereits zugunsten der Fotografie aufgegeben. Zwei Jahre zuvor hatte er im Haus des Großvaters eine Fachkamera auf dem Dachboden gefunden – eine Linhof Master Technika Classic … Nach ein paar tastenden Versuchen hatte er schließlich gelernt, wie man mit Hilfe von exzentrischer Verstellung und dem gegeneinander Verkippen von Film- oder Objektivebene gut fokussierte Fotos erhielt.

Seiner genialen Künstlernatur gemäß entdeckt er also früh, natürlich mit dem Quentchen Glück, das niemals fehlen darf, sein spezielles technisches Equipement und entwickelt autodidaktisch stilsicher sein erstes künstlerisches Programm: Die systematische fotografische Wiedergabe der gewerblichen und industriellen Erzeugnisse der Welt. Er machte die Aufnahmen in seinem Zimmer, meistens bei natürlicher Beleuchtung. Aktenhefter in Hängevorrichtungen, Faustwaffen, Terminkalender, Druckerpatronen, Gabeln … Da ist es natürlich nur gemeinplatzlogisch, dass er für die Bewerbungsmappe mit dem Titel »Dreihundert Fotos von Objekten aus dem Eisenwarenhandel«, die er seinen Hochschullehrern vorlegt, eine erstaunliche ästhetische Reife bescheinigt bekommt.

Jed hatte es vermieden, den Glanz der Metallgegenstände und den bedrohlichen Charakter ihrer Formen hervorzuheben, stattdessen hatte er eine neutrale, nicht sehr kontrastreiche Beleuchtung gewählt und die Artikel des Eisenwarenhandels auf einem Hintergrund von mittelgrauem Samt fotografiert. Schrauben, Muttern und Rollgabelschlüssel wirkten so geradezu wie Juwelen mit diskretem Schimmer. – Diese Formulierung - wirkten wie Juwelen mit diskretem Schimmer – könnte Houellebecq glatt aus einer Werbebroschüre für Seidenstrumpfhosen übernommen haben; und vielleicht hat er es tatsächlich.

Nach seinem Studium, das Jed Martin naturgemäß ausschließlich eigenbrötlerisch mit seinem grandiosen und zugleich manischen, um nicht zu sagen etwas verrückten Projekt zubringt, ist es wieder eine dramatische Wendung, aufgetischt wie aus einem Handbuch für Hollywoodautoren, die Jed Martin auf die thematische Idee für sein nächstes Fotoprojekt bringt. Seine Großmutter stirbt und sein Vater, mit dem er natürlich eine gemeinplatzkonfliktreiche Beziehung hat, bittet ihn, mit ihm in die Creuse zu fahren, um an der Beerdigung teilzunehmen und die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln.

Unterwegs dann also folgendes: Auf die Bitte seines Vaters hin, der unterdessen tankte, kaufte Jed eine Straßenkarte von Creuse und Haute-Vienne aus der Reihe »Departementalkarten« von Michelin. Und als er dort, ein paar Schritte von den in Zellophan gehüllten Sandwiches entfernt, seine Karte auseinanderfaltete, wurde ihm seine zweite große ästhetische Offenbarung zuteil. Diese Karte war geradezu erhaben; bis ins Innerste aufgewühlt begann er vor dem Verkaufsständer zu zittern. Noch nie hatte er etwas so Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte der Departements Creuse und Haute-Vienne im Maßstab 1:150 000. Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. Die grafische Darstellung war komplex und schön, von absoluter Klarheit, und verwendete nur eine begrenzte Palette von Farben. Aber in jedem Örtchen, jedem Dorf, das seiner Größe entsprechend dargestellt war, spürte man das Herzklopfen, den Ruf Dutzender Menschenleben, Dutzender, Hunderter Seelen – von denen die einen zur Verdammnis und die anderen zum ewigen Leben berufen waren.

Wie es sich für ein Gemeinplatzgenie, dem eine große ästhetische Offenbarung zuteil geworden ist, gehört, macht sich Jed Martin also, sobald er wieder in Paris angekommen ist, in einem Zustand höchster nervlicher Erregung daran, alle Michelin-Karten, die er finden kann, aufzukaufen und die interessantesten von ihnen in der gehabten grandiosen und zugleich manischen, um nicht zu sagen etwas verrückten Manier, selbstverständlich in sechsmonatiger Isolation, zu fotografieren. Dabei wandte er sich von der analogen Fotografie ab, die er bisher ausschließlich praktiziert hatte, und kaufte sich ein BetterLight-6000-HS-Scanrückteil, das es erlaubte, 48-Bit-Dateien im RGB-Modus mit einer Auflösung von 6000 x 8000 Pixeln zu erstellen. Warum auch nicht? Nur, wer sich ändert, bleibt sich treu. Das wird schon stimmen, irgendwie, ganz bestimmt.

Was jetzt noch fehlt, ist jeder Kennerin des Kunstmarktes klar: Glamour und Diskurs. Beim Lesen von Karte und Gebiet überrascht es den Kenner des Krimigenres jetzt nicht mehr, dass Houellebecq diese Wendungen zum Erfolg wieder in Form von Überraschungen in Jed Martins Leben treten lässt, die so auf Übertreibung konstruiert sind, dass sie einfach stimmen müssen, weil sie gemeinplatzlogisch folgerichtig sind.

Jed Martins Kommilitonen, zu denen er natürlich eigentlich keinen Kontakt mehr hat, laden ihn überraschend ein, an einer Sammelausstellung mit dem Titel »Lasst uns höflich bleiben« teilzunehmen. Er sagt natürlich sofort überraschend zu: Er hatte für die Ausstellung einen Ausschnitt aus der Michelin-Karte der Creuse ausgesucht, in dem das Dorf seiner Großmutter verzeichnet war. Er hatte eine stark geneigte optische Achse gewählt, einen Winkel von dreißig Grad zur Horizontalen, und die Filmstandarte für größtmögliche Tiefenschärfe maximal gekippt. Anschließend hatte er mit Hilfe von Photoshop-Filtern eine Entfernungsunschärfe und einen bläulichen Effekt am Horizont erzielt. Im Vordergrund sah man den See von Breuil und das Dorf Châtelus-le-Marcheix. Weiter hinten führten zwischen den Dörfern Saint-Goussaud, Laurière und Jabreilles-les-Bordes gewundene Straßen durch die Wälder, die wie eine unantastbare, feenhafte Traumlandschaft wirkten. Hinten links im Bild konnte man das wie aus einer Nebelbank auftauchende rot-weiße Band der Autobahn A20 erkennen.

Um das kriminalironische Künstlerglück perfekt zu machen, erscheint auf der Ausstellung eine wunderschöne Frau. Und - wie soll es anders sein? - sie spricht Jed Martin an: »Machen Sie oft Fotos von Straßenkarten?« »Ja … Ja, ziemlich oft.« »Immer von Michelin-Karten?« »Ja.« Sie überlegte ein paar Sekunden, ehe sie ihn fragte: »Haben Sie schon viele Fotos dieser Art gemacht?« »Etwas mehr als achthundert.« Diesmal starrte sie ihn mindestens zwanzig Sekunden lang völlig verblüfft an, ehe sie fortfuhr: »Darüber würde ich gern mit Ihnen sprechen. Wir müssen uns unbedingt verabreden, um darüber zu sprechen. Es wird Sie vielleicht überraschen, aber … ich arbeite bei Michelin.« Sie zog aus ihrer winzigen Prada-Handtasche eine Visitenkarte hervor, die er dümmlich anstarrte, ehe er sie einsteckte: Olga Sheremoyova, Public Relations, Michelin France.

Ab jetzt geht alles ganz schnell. Es ist wie im Krimi. Wie soll es anders sein? Jed Martin wird von Olga, die natürlich auch seine Geliebte wird, lanciert. Er wird in die Gesellschaft der Kunstprominenz eingeführt und lernt zum Beispiel eine hübsche Karikatur des Schriftstellers Frédéric Beigbeder kennen; der echte Beigbeder ist nebenbei bemerkt im wirklichen Leben ein Freund des echten Houellebecq. Rasch bekommt er eine Einzelausstellung mit dem Titel »Die Karte ist interessanter als das Gebiet« zu der dank der natürlich besten aller Pressereferentinnen, Marylin, die gesamte Elitepresse und Kunstsammlergesellschaft von Paris erscheint. Die anschließende Kritik in Le Monde, die natürlich eine Lobeshymne ist, liest sich wie folgt:

»Mit der gelassenen Ruhe großer Revolutionäre wendet sich der Künstler – ein noch junger Mann – schon auf dem uns im Eingangsbereich erwartenden Werk, mit dem er uns einen ersten Einblick in sein Universum verschafft, von dem naturalistischen, neopaganistischen Weltbild ab, mit dem sich unsere Zeitgenossen herumschlagen, um das Bild des ABWESENDEN wiederzufinden. … Jed Martin hat zwischen der mystischen Vereinigung mit der Welt und der rationalen Theologie seine Wahl getroffen. Er hat vielleicht als Erster in der westlichen Kunst seit den großen Malern der Renaissance den nächtlichen Versuchungen der Hildegard von Bingen die schwierigen, aber klaren Lehren des ›stummen Ochsen‹, wie Thomas von Aquin von seinen Mitschülern an der Kölner Klosterschule genannt wurde, vorgezogen. Auch wenn diese Wahl natürlich anfechtbar ist, steht die hohe Gesinnung, die sie impliziert, außer Zweifel. Damit kündigen sich die künstlerischen Events dieses Jahres auf jeden Fall unter verheißungsvollen Auspizien an.« - Diesen Text könnte Houellebecq mittels computergestützter Cut-up Technik aus Textfragmenten von Le Monde zusammengesampelt haben; und vielleicht hat er es tatsächlich. Das klingt alles absolut nach Zeitgeist und Glamour, dem Beginn einer glänzenden Künstlerkarriere also, aber verstehen kann man es eigentlich nicht. Es wird der Leserin und dem Leser sicher irgend etwas zeigend vor Augen führen. Den meisten wenigstens, irgendwie bestimmt, vielleicht. // Thomas Goldstrasz

Der Roman Karte und Gebiet von Michel Houellebecq ist 2011 bei DuMont Köln erschienen. Das französische Original wurde 2010 unter dem Titel La Carte et le Territoire von Flammarion Paris veröffentlicht.

/// Erschienen in KRAUT Magazin #5 : CONTEMPORARY PHOTOGRAPHY, Februar 2012