July 4, 2012
Mediales Verschwinden

// eine informationsgrafische Auseinandersetzung mit einer alten These

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Abb. Weltkarte zum Stand des Verschwindens der Compakt Cassette (auf Schätzwerte zurückgehend). Erstellt von Theresia Binz, Jacqueline Czogalla, Johannes Henseler und Mona Matejic

Im Seminar Mediales Verschwinden beschäftigten wir uns mit einer These aus dem Jahr 1913, die unter dem Namen Rieplsches Gesetz bekannt geworden ist:

Andererseits ergibt sich gewissermaßen als ein Grundgesetz des Nachrichtenwesens, dass die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen. (Riepl 1913: 15)

In populärer Formulierung lautet es: „Kein neues Medium verdrängt die alten vollständig.“ Wir fragten uns: Stimmt das?

Nach heftigen Diskussionen um Mediendefinitionen und Recherchen in der Mediengeschichte kamen wir zu dem Ergebnis, dass es von der Mediendefinition abhängt, die man zugrunde legt, um zu entscheiden, ob man Riepls Gesetz für gültig erklärt oder nicht. In grober Annäherung stellten wir fest: Je abstrakter die Mediendefinition ist, die man zugrunde legt, desto wahrscheinlicher wird, dass Riepls Gesetz gültig ist.

Am Beispiel der Compact Cassette: Es scheint ziemlich sicher, dass die Compact Cassette auf dem Weg ist, zu verschwinden. Wenn man sie ein Medium nennt, dann hat Riepls Gesetz also schlechte Karten. Wenn man aber sagt, die Compact Cassette ist kein Medium, sondern ein Format, ein bestimmtes Design eines Mediums, und dieses Medium bleibt in anderen Designs erhalten, wenn die Compact Cassete verschwindet, sieht es für Riepls Gesetz gleich wieder besser aus. Je abstrakter man das Medium fasst, von dem die Compact Cassette ein Format ist (etwa als elektromagnetischen Speicher oder noch abstrakter als tertiären Speicher), desto wahrscheinlicher wird, dass es bestehen bleibt.

Um die Ergebnisse unserer Recherche zum Verschwinden medialer Formate darzustellen, habe ich die Erstellung einer „Weltkarte des medialen Verschwindens“ zum praktischen Projekt dieses Seminars gemacht. Oben abgebildet ist unsere Weltkarte zum Verschwinden der Compact Cassette. Es sind viele solcher Karten mehr entstanden. Zum Beispiel zum Röhrenfernseher, zur analogen Fotografie usw.

Dieses Projekt zeigte deutlich, wie Methoden der Informationsvisualisierung eingesetzt werden können, um Erkenntnisse sichtbar zu machen, und sogar, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, denn vorher war uns allen nicht so deutlich, dass die Verwertungsgebiete, von deren Änderung  Riepl spricht, nicht nur als Gebiete des Gebrauchs, sondern auch als Gebiete der Welt zu verstehen sind.

Das Seminar Mediales Verschwinden fand zusammen mit dem naturgemäß unvollendet gebliebenen Projekt, eine Weltkarte des Verschwindens zu erstellen im WS 2009 unter der Leitung von Thomas Goldstrasz an der FH Düsseldorf statt. Die Erstellung der Karten musste in der Regel mangels Daten sowie mangels Zeit und Infrastruktur auf teilweise recht grobe Schätzungen zurückgehen, weshalb sie eher Tendenzen möglicher Arbeitshypothesen einer möglichen, im Rahmen eines Seminars nicht durchführbaren Studie visualisieren, denn tatsächlich wissenschaftlich vollgültige Ergebnisse. Nebenbei spiegeln sie in den Schätzungen das mediale Weltbild der Studierenden wider, das so während der Präsentation im Seminar anschaulich diskutiert werden konnte. 

/// Eine umfangreiche Dokumentation der Ergebnisse des Seminars und der Diskussionen darin kann auf der hochschulübergreifenden Seminarplattform iversity.org unter Mediales Verschwinden / iversity eingesehen werden.

October 27, 2011
Karte und Botschaft

// Jed Martinesken

Guben, Crossen, Sommerfeld (1936). Foto: Thomas Böcker

Abb. Martineske # 1. KARTE: Reichskarte, Einheitsblatt 78 (Guben - Crossen - Sommerfeld), Verlag des Reichsamts für Landesaufnahme, 1936. FOTO: Thomas Böcker

Karte und Botschaft ist ein Versuch, die fotografische Ästhetik von Jed Martin nachzuempfinden.  Jed Martin ist der Held des Romans Karte und Gebiet (2011) von Michel Houellebecq. Darin wird der Künstler Jed Martin damit weltberühmt und steinreich, dass er Straßenkarten von Michelin fotografisch und photoshoptechnisch verfremdet und sie als großformatige Abzüge in kunstzentralen Pariser Galerien ausstellt. Weil Jed Martin und seine Bilder reine Fiktion sind, interessieren wir uns dafür, wie eine Jed Martineske Kartenkunst wohl real aussehen könnte…

Houellebecq ist in Karte und Gebiet einigermaßen sparsam mit Hinweisen darauf, wie man sich die Michelinarbeiten von Jed Martin vorzustellen hat:

[Jed Martin] hatte für die Ausstellung einen Ausschnitt aus der Michelin-Karte der Creuse ausgesucht, in dem das Dorf seiner Großmutter verzeichnet war. Er hatte eine stark geneigte optische Achse gewählt, einen Winkel von dreißig Grad zur Horizontalen, und die Filmstandarte für größtmögliche Tiefenschärfe maximal gekippt. Anschließend hatte er mit Hilfe von Photoshop-Filtern eine Entfernungsunschärfe und einen bläulichen Effekt am Horizont erzielt. Im Vordergrund sah man den See von Breuil und das Dorf Châtelus-le-Marcheix. Weiter hinten führten zwischen den Dörfern Saint-Goussaud, Laurière und Jabreilles-les-Bordes gewundene Straßen durch die Wälder, die wie eine unantastbare, feenhafte Traumlandschaft wirkten. Hinten links im Bild konnte man das wie aus einer Nebelbank auftauchende rot-weiße Band der Autobahn A20 erkennen. [S. 63]

In der oben vorbereiteten Ausstellung wirken seine inszenierten Bilder dann so: Der Eingang zur Ausstellung war halb von einer großen Tafel versperrt, die zu beiden Seiten einen Durchgang von zwei Metern Breite frei ließ und auf der nebeneinander ein Satellitenfoto von der Umgebung des Großen Belchen und die Vergrößerung einer Michelin-Departementalkarte vom selben Gebiet zu sehen waren. Der Kontrast war frappierend: Während auf dem Satellitenfoto nur eine Suppe aus mit verschwommenen bläulichen Flecken übersäten, mehr oder weniger einheitlichen Grüntönen zu erkennen war, zeigte die Karte ein faszinierendes Netz von Landstraßen, landschaftlich schönen Strecken, Aussichtspunkten, Wäldern, Seen und Pässen. Über den beiden Fotos stand in schwarzen Lettern der Titel der Ausstellung: »DIE KARTE IST INTERESSANTER ALS DAS GEBIET.« - Im eigentlichen Ausstellungsraum hatte Jed an großen, mobilen Stellwänden etwa dreißig großformatige Fotos aufgehängt – die ausschließlich Departementalkarten von Michelin zum Gegenstand hatten, dabei aber die unterschiedlichsten geographischen Bereiche abdeckten, vom Hochgebirge bis zur bretonischen Küste, von der normannischen Bocage-Landschaft bis zu den Getreideanbaugebieten im Departement Eure-et-Loir. [S. 90f.]

Etliche Seiten im Buch und Zeiten in der Geschichte später taucht noch einmal die Beschreibung einer Michelin-Fotografie Martins auf, vermittelt über einen Fernsehbericht: Erstaunlicherweise hatte der Fernsehmoderator keine der spektakulären Aufnahmen mit ins Auge springender malerischer Wirkung gewählt wie jene, die Jed von der Steilküste im Var oder von der Verdonschlucht gemacht hatte. Das Foto, das die Umgebung rings um Gournay-en-Bray wiedergab, war eher monoton gestaltet, ohne dass durch die Beleuchtung oder die Perspektive ein besonderer Effekt erzielt wurde; Jed erinnerte sich noch, dass er es exakt aus der Vertikalen aufgenommen hatte. Die weißen, grünen und braunen Flecken waren gleichmäßig verteilt und vom symmetrischen Netz der Landstraßen durchzogen. Keine Ortschaft hob sich deutlich hervor, alle schienen in etwa die gleiche Größe zu haben; das Ganze vermittelte den Eindruck von Ruhe und Ausgeglichenheit, es hatte fast etwas Abstraktes. [S. 233]

Im Projekt Karte und Botschaft wollen wir verfremdete Fotos von Land- und Straßenkarten herstellen, indem wir diesen Hinweisen Houellebecqs phantasievoll folgen, um Jed Martins Kartenkunst auf die Spur zu kommen. Das Projekt findet im derzeit laufenden Semester am Fachbereich Design der FH D statt, wird von Thomas Goldstrasz geleitet und von Thomas Böcker mit fototechnischer Expertise unterstützt. Es besteht aus zehn Arbeitsgruppen, die jeweils eine bestimmte Sorte von Karten zum Thema haben und ein martineskes Foto dazu im projektbegleitenden Blog veröffentlichen werden. Bis zum 31.01.2012 sollen dort also mindestens zehn Jed Martinesken erscheinen.

Bitte, liebe Tumblrgemeinschaft: Spart dort nicht mit Likes, wenn es Euch gefällt. Das wird uns helfen. Das wird uns freuen!  // Thomas Goldstrasz

Der Roman Karte und Gebiet von Michel Houellebecq ist 2011 bei DuMont Köln erschienen. Das französische Original wurde 2010 unter dem Titel La Carte et le Territoire von Flammarion Paris veröffentlicht.

/// Erscheint kontinuierlich im Blog Karte und Botschaft, FH D im Wintersemester 2011/12