// eine informationsgrafische Auseinandersetzung mit einer alten These

Abb. Weltkarte zum Stand des Verschwindens der Compakt Cassette (auf Schätzwerte zurückgehend). Erstellt von Theresia Binz, Jacqueline Czogalla, Johannes Henseler und Mona Matejic
Im Seminar Mediales Verschwinden beschäftigten wir uns mit einer These aus dem Jahr 1913, die unter dem Namen Rieplsches Gesetz bekannt geworden ist:
Andererseits ergibt sich gewissermaßen als ein Grundgesetz des Nachrichtenwesens, dass die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen. (Riepl 1913: 15)
In populärer Formulierung lautet es: „Kein neues Medium verdrängt die alten vollständig.“ Wir fragten uns: Stimmt das?
Nach heftigen Diskussionen um Mediendefinitionen und Recherchen in der Mediengeschichte kamen wir zu dem Ergebnis, dass es von der Mediendefinition abhängt, die man zugrunde legt, um zu entscheiden, ob man Riepls Gesetz für gültig erklärt oder nicht. In grober Annäherung stellten wir fest: Je abstrakter die Mediendefinition ist, die man zugrunde legt, desto wahrscheinlicher wird, dass Riepls Gesetz gültig ist.
Am Beispiel der Compact Cassette: Es scheint ziemlich sicher, dass die Compact Cassette auf dem Weg ist, zu verschwinden. Wenn man sie ein Medium nennt, dann hat Riepls Gesetz also schlechte Karten. Wenn man aber sagt, die Compact Cassette ist kein Medium, sondern ein Format, ein bestimmtes Design eines Mediums, und dieses Medium bleibt in anderen Designs erhalten, wenn die Compact Cassete verschwindet, sieht es für Riepls Gesetz gleich wieder besser aus. Je abstrakter man das Medium fasst, von dem die Compact Cassette ein Format ist (etwa als elektromagnetischen Speicher oder noch abstrakter als tertiären Speicher), desto wahrscheinlicher wird, dass es bestehen bleibt.
Um die Ergebnisse unserer Recherche zum Verschwinden medialer Formate darzustellen, habe ich die Erstellung einer „Weltkarte des medialen Verschwindens“ zum praktischen Projekt dieses Seminars gemacht. Oben abgebildet ist unsere Weltkarte zum Verschwinden der Compact Cassette. Es sind viele solcher Karten mehr entstanden. Zum Beispiel zum Röhrenfernseher, zur analogen Fotografie usw.
Dieses Projekt zeigte deutlich, wie Methoden der Informationsvisualisierung eingesetzt werden können, um Erkenntnisse sichtbar zu machen, und sogar, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, denn vorher war uns allen nicht so deutlich, dass die Verwertungsgebiete, von deren Änderung Riepl spricht, nicht nur als Gebiete des Gebrauchs, sondern auch als Gebiete der Welt zu verstehen sind.
Das Seminar Mediales Verschwinden fand zusammen mit dem naturgemäß unvollendet gebliebenen Projekt, eine Weltkarte des Verschwindens zu erstellen im WS 2009 unter der Leitung von Thomas Goldstrasz an der FH Düsseldorf statt. Die Erstellung der Karten musste in der Regel mangels Daten sowie mangels Zeit und Infrastruktur auf teilweise recht grobe Schätzungen zurückgehen, weshalb sie eher Tendenzen möglicher Arbeitshypothesen einer möglichen, im Rahmen eines Seminars nicht durchführbaren Studie visualisieren, denn tatsächlich wissenschaftlich vollgültige Ergebnisse. Nebenbei spiegeln sie in den Schätzungen das mediale Weltbild der Studierenden wider, das so während der Präsentation im Seminar anschaulich diskutiert werden konnte.
/// Eine umfangreiche Dokumentation der Ergebnisse des Seminars und der Diskussionen darin kann auf der hochschulübergreifenden Seminarplattform iversity.org unter Mediales Verschwinden / iversity eingesehen werden.
