May 25, 2012
W.A.S.T.E. Revisited.Walk

// ein algorithmischer Textspaziergang mit BookCrossing kombiniert

Abb. ECKE 07. »Die fröhlichen Kinderspiele, die sich hier abgespielt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen.« Foto: Jan Mendzigall

W.A.S.T.E. Revisited.Walk (Textergebnisse). Datum: 10.05.2012. Start: 18:00 Uhr, Filmwerkstatt Düsseldorf. Algorithmus: wiederhole [2te links, 1te rechts, 2te links]. Beim Revisited.Walk wurde keine Textkartei zur Beschreibung der abgelaufenen Ecken mitgenommen, sondern bei BookCrossing registrierte Bücher. An jeder Ecke, an der laut Algorithmus abzubiegen war, wurde eins der Bücher freigelassen. Zur Beschreibung der Ecke wurde eine Textstelle aus dem dort freizulassenden Buch herausgesucht und entsprechend umgeschrieben. Hinter den Links mit den Buchtiteln verbirgt sich jeweils eine Freilassnotiz bei BookCrossing mit dem originalen Wortlaut der adaptierten Textstelle.

ECKE 01. BIRKENSTR. / WETTERSTR. 18:15 UHR. Die Baustelle bildete den Mittelpunkt der kleinen Kreuzung. Links war ein mit Jalousien verrammeltes Café, rechts befanden sich ein griechisches Schnellrestaurant, eine Trinkhalle und ein An- und Verkaufladen. Zwischen den Bauzäunen stand ein Bagger mit einer kolossalen Gabelstaplergabel herum. Alles sah spannungsgeladen und abwartend aus, überall lag der Anpfiff in der Luft. Am Schild einer Haltestelle wartete eine Mutter mit ihrem Kind auf die Straßenbahn in der Majestät ihrer erhabenen Fußballinteresselosigkeit, während auf der anderen Straßenseite eine Frau mit blauer Plastiktüte flüsternd in ihr Handy tratschte. 18:25 UHR. (Die Entdeckung des Himmels)

ECKE 02. WETTERSTR. / LINDENSTR. 18:27 UHR. Nach abgearbeiteter erster Ecke ließ sich das W.A.S.T.E.-Revisited-Team auf der Bank gegenüber der Kneipe Tönnchen nieder. Sie blätterten in Achtung! Vorurteile und sprachen über Gott und die Welt. Irgendwann landeten sie bei Fußball. Nicht ereifernd wie die Fans, eher akademisch, wie man bei einem Textspaziergang über anstehende Sportereignisse abstrahierend redet. Es ließ sich also nicht vermeiden, dass aus dem Munde eines W.A.S.T.E.-Mannes das Wort »1. FC Bayern München« auf die Pflastersteine fiel. Im Nu erstarb an den Biertischen gegenüber das Gespräch. Es wurde unheimlich still. 18:38 UHR. (Achtung! Vorurteile)

ECKE 03. LINDENSTR. / DOROTHEENSTR. 18:46 UHR. Ohne ihre Textvorlage wären sie hilflos gewesen. Auf dieser Kreuzung war alles Inspirierende weit zurückgedrängt worden. Als sie das bemerkten, wurde ihnen schummrig vor Augen. Sie öffneten das Buch und ließen ihre Stirnen auf den Text sinken. Schließlich richteten sie sich wieder auf und betrachteten erneut diese abgrundtief öde Kreuzung. Die obere Leiste des Werbeschilds der Grünen an dem Verteilerkasten wirkte wie ein günstiger Releaseort. Aber trotzdem waren die Anspielungen darin fantasielos und wenig erheiternd. 18:49 UHR. (Weil ich gern lese)

ECKE 04. DOROTHEENSTR. / GRAFENBERGER ALLEE. 18:54 UHR. Irgendwo wirbt ein graphisch explizites Plakat für Bikini Tops, die gerade 4,95 € kosten, eine Tüte eingeschweißter Fertigbaguettes liegt auf einem grünen Stadtmülleimer wie vergessen und nicht abgeholt, die Altglascontainer sind hier wie es aussieht von Sonnenschirmen der Deutschen Bank vor glaszersetzendem Elektrosmog geschützt. Im Haltestellenbereich der Straßenbahn befinden sich die Wartenden im Zustand ihrer alltäglichen Routine. W.A.S.T.E. ließ Sushi in Bombay auf dem Gepäckträger eines an Pollerketten angschlossenen Mietfahrrads frei, auf dem »I [Windmühle] Düsseldorf« steht. 19:00 UHR. (Sushi in Bombay)

ECKE 05. GRAFENBERGER ALLE / ACHENBACHSTR. 19:01 UHR. Wahrscheinlich wollten diese Häuser den modernen Zauber entfalten: verspielte Balkons, rundgestutze Baumkronen, viel Funktionalistisches und riesige posterartige Fensterscheiben mit ihren sehr eindrucksvollen Spiegelungen. Nach links schloss jemand ein Damenrad an einen Schildermast, in dessen Gepäckträgerkorb jetzt auch die Nürburg-Papiere freigelassen wurden. 19:06 UHR. (Die Nürburg-Papiere)

ECKE 06. ACHENBACHSTR. / SCHUMANNSTR. 19:14 UHR. Die Bäume schauten grün auf den Asphalt herab. Überall flogen Erinnerungen herum oder klebten in kleinen Andeutungen an den Fassaden. Ein  W.A.S.T.E.-Spaziergänger fing einen Fetzen auf. In diesem Fall ging es um eine ganz gewöhnliche Serie aus den 80ern. Aber die anderen wussten kaum etwas davon. Sie wurden nachdenklich. Wie wäre es, wenn sich jeder Wunsch einfach erfüllen würde und man dafür bloß auf sein Lachen verzichten müsste? Aber dann schlich sich eine andere Wahrnehmung ein. Wenn sie nicht das Fahrrad gesehen hätten, wäre Der Teufel holt sie alle niemals in diesem Gepäckträgerkorb gelandet. 19:17 UHR. (Der Teufel holt sie alle)

ECKE 07. SCHUMANNSTR. / UHLANDSTR. 19:23 UHR. Auf dem Hof regte sich nichts. Die fröhlichen Kinderspiele, die sich hier abgespielt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Geruch schöner Kindheitserinnerungen schlug ihm entgegen, als der den Spielplatz durch die Hecke betrat. Er stellte den einzigen Stuhl im Hof zurecht, um darauf die Kalte Hölle zu platzieren. Über ihm ragte die dicht mit Efeu bewachsene Häuserwand in den warmen Abendhimmel.  Während er den Geräuschen lauschte, malte er sich aus, wie es wohl gewesen wäre, in diesem Haus hier aufgewachsen zu sein. 19:29 UHR. (Kalte Hölle)

ECKE 08. UHLANDSTR. / GRAFENBERGER ALLEE. 19:32 UHR. Langsam kehrte das W.A.S.T.E.-Team zur Grafenberger Allee zurück. Das Fußballspiel war angepfiffen worden und selbst die große Kreuzung beinah menschenleer. Durch die Fenster der Häuser brauste Torjubel auf. Sie fanden sich an einem kleinen Fischrestaurant ein, wo sie sich draußen an einen ungedeckten Tisch setzten. Der Wirtin gefiel das nicht, und sie bat sie unfreundlich, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Sie brachte ihnen Bier und Wasser hinaus. Bei der Eingangstür des Restaurants stand ein kleines buntes Kinderkarussell. Oh, sagten sie, wenn wir doch darauf eine Runde drehen könnten! Wieder waren ihre Gedanken voller Kindheit. Sie saßen, tranken und unterhielten sich. Eine Stunde verging. Gegenüber gab die Konstruktion einer Fassade ihnen Rätsel auf, … 20:28 UHR. (Narziß und Goldmund)

ECKE 09. GRAFENBERGER ALLEE / BIRKENSTR. 20:28 UHR. Auch wenn das Design des Sofas, das an dieser Ecke stand, nicht dem Geschmack der W.A.S.T.E.-Truppe entsprach und die Altglascontainer die Atmosphäre zerbrachen, einer Wohnzimmerstimmung waren sie hier näher als irgendwo sonst in den Straßen von Düsseldorf. Sie setzten sich und blätterten in Zonenkinder, woraufhin die beiden Passantinnen sie lachend fragten, ob sie ihnen eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen vorbei bringen sollen, beinahe so, als seien sie ihre Mütter. 20:36 UHR. (Zonenkinder)

ECKE 10. BIRKENSTR. / ACKERSTR. 20:41 UHR. So deutlich sahen sie den tristen Vorhof des leerstehenden Hauses vor sich, dass sie ihn Stein für Stein beschreiben konnten.  Hinter die Fensterscheiben waren Plastikfolien geklebt, die Falten wie eine zerknautschte Lederjacke warfen, das Fenster daneben war undurchsichtig und so weiß wie Milch. Zerknülltes Papier, das etwas Müllartiges an sich hatte, lag verstreut umher. Ein niedriges Klinkermäuerchen trennte den von wilden Sträuchern umwucherten Platz von der Straße. Darauf platzierten sie das KiWi Lesebuch, das wie ein kleines Geschenk ins Auge sprang; es gab darin Geschichten, Gedichte, … 20:47 UHR. (Das KiWi Lesebuch)

ECKE 11. ACKERSTR. / LINDENSTR. 20:50 UHR. Das Café Pechmarie hatte noch Tische vor der Tür. Es gab rote Windlichter, Sitzkissen, nach Hopfen und Malz riechendes Tannzäpfle Bier, stilles Wasser oder Wasser das noch sprudelte, Wein, Schnaps, Cocktails, alle Arten von Salzgebäck, das für genüssliches Knabbern erforderlich war. … Dann führte der Algorithmus sie zu einem kleinen, hell erleuchteten Häuschen, das eine veraltende Kulturtechnik aufrecht erhielt. Vieles an dieser Telefonzelle war anrührend anachronistisch, doch hier und da gab es Argumente, sie nicht sofort abzureißen. Obwohl sie nach Smartphonemaßstäben nutzlos aussah, hob sie sich von der Umgebung ab, als sei sie der beste Ort für den Medicus. 21:32 UHR (Der Medicus)

ECKE 12. LINDENSTR. / WETTERSTR. 21:34 UHR. Inzwischen war ihnen diese Ecke so vertraut, dass sie sie sogar im Dunkeln sofort erkannten. Da war das Tönnchen und die Bank, auf der sie vor drei Stunden das Buch Achtung! Vorurteile freigelassen hatten, das jetzt nicht mehr da war, wodurch sie ihrer Meinung nach zum idealen Ort für den Abschluss des W.A.S.T.E. Revisited.Walks aussah; mit einer Hand legten sie Hell’s Kitchen auf die Bank und veröffentlichten die Releasenote mit der anderen. Sie gingen glücklich nach Hause, um den selten runden Verlauf ihres algorithmischen Spaziergangs für die Nachwelt festzuhalten. 21:38 UHR. (Hell’s Kitchen)

Informationen über die Ausstellung, die der Anlass für den W.A.S.T.E Revisited.Walk gewesen ist, sind bei Umordnung unter W.A.S.T.E. Revisited zu finden.

/// Diese Dokumentation wurde am 10.05.2012 mit 37 Abbildungen unter textwalk.posterous.com/pages/revisitedwalk ins Netz gestellt.

May 5, 2012
W.A.S.T.E. Revisited

// eine Dokumentation für die Ausstellung Video Site II - 04.05. bis 11.05.2012 in der Filmwerkstatt Düsseldorf

Abb. Die W.A.S.T.E. Kartei im Einsatz. Foto: Johannes Henseler

Am 05.02.2009 liefen 68 junge Leute algorithmisch durch Düsseldorf. Dabei haben sie jede Kreuzung, an der sie abgebogen sind, beschrieben, indem sie Textfragmente aus einer Textbausteinkartei kombinierten und durch das Austauschen einiger Wörter an die jeweilige Situation anpassten. Die entstandenen Texte wurden von Hand auf Postkarten festgehalten.

W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience - war ein Workshop im Rahmen des Seminars Medienkunstmomente (WS 08/09, FHD FB Design) unter der Leitung von Thomas Goldstrasz. Das Projekt wird für die Ausstellung Video Site II erstmals umfassend und nachvollziehbar dokumentert. Das bietet sich an, denn mit W.A.S.T.E. sind wir Dingen auf der Spur gewesen, die genau das Interesse von Video Site II treffen. Die algorithmischen Spaziergänge, die wir gelaufen sind, gehen auf die situationistische Technik des Umherschweifens zurück. Und mit dem Umherschweifen hatten die Situationisten nichts anderes im Sinn, als Strategien der Rückeroberung selbstbestimmteren Wahrnehmens und Erlebens städtischer Phänomene zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gerade nämlich, indem man sich selbstbestimmt einem Algorithmus unterwirft, um die Stadt zu durchwandern, gelingt es, sich von seinem alltäglichen Wahrnehmungstrott zu lösen und offen zu sein für neue Beobachtungen. Wenn man dann darüber hinaus dazu angehalten ist, Texte herzustellen, um die Beobachtungen festzuhalten, ist selbstbestimmtes Augen aufmachen geradezu vorprogrammiert…

W.A.S.T.E. war eine vielschichtige Aktion, weshalb sich die Dokumentation bei Posterous in verschiedene Themenbereiche gliedert, die sich nach den dort benutzten Tags sortieren lassen:

» W.A.S.T.E. Algorithmen erklärt die Art, wie spazieren gegangen wurde. Es wird die psychogeografische Umherschweiftechnik namens dot.walk vorgestellt und erklärt, wie wir sie eingesetzt haben.

» W.A.S.T.E. Kartei erklärt die halbautomatische Textherstellungskomponente des Projekts. Sie geht auf das Ideenmagazin von Heinrich von Kleist zurück. Wie? Das wird gezeigt.

» W.A.S.T.E. Probeläufe beschreiben unsere ersten Gehversuche, algorithmisch mit einer Textkartei spazieren zu gehen.

» W.A.S.T.E. Logo ist die Kategorie für unsere Hintergrundgeschichte und unsere formal postialischen Konventionen.

» W.A.S.E. Map dokumentiert den Weg, den wir am 05.02.2009 - mehr oder minder streng - algorithmisch zurückgelegt haben und wecken hoffentlich das Interesse, es einmal selber auszuprobieren.

» W.A.S.T.E. Texte führt zum Archiv unserer Stadt- und Situationsbeschreibungen, die wir mit Hilfe unserer Textkartei - mehr oder minder textgetreu - hergestellt haben.

Es ist nicht nötig, beim Stöbern in W.A.S.T.E. revisited eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, sich selbstbestimmt einen Weg durch diese Geschichte zu bahnen. Bitte schweifen Sie umher! // Thomas Goldstrasz

Einen Aufsatz über den situationistischen Hintergrund des algorithmischen Umherschweifens gibt es bei Umordnung unter: W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience.

/// W.A.S.T.E. revisited wurde am 04.05.2012 unter textwalk.posterous.com ins Netz gestellt. Anlass war die Ausstellung Video Site II in der Filmwerkstatt Düsseldorf.

March 8, 2012
W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience

// eine psychogeografische Okkupation der Stadt Düsseldorf mit textgenerativer Dokumentation

Abb. W.A.S.T.E. Weste mit W.A.S.T.E. Logo. Foto: Jan Bertil Meier

Ein bis heute nützliches und vielfach weiterentwickeltes Verfahren zur Okkupation einer Stadt wurde in den 1950er Jahren von den Situationisten in Paris entwickelt. Sie nannten es dérive; zu Deutsch: Umherschweifen. Guy Debord, einer der Begründer der Situationistischen Internationale (S.I.), beschrieb es in erster Annäherung in seinem Entwurf zur Theorie des Umherschweifens mit den Worten: Unter den verschiedenen situationistischen Verfahren ist das Umherschweifen eine Technik des eiligen Durchgangs durch abwechslungsreiche Umgebungen. Der Begriff des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was ihn in jeder Hinsicht den klassischen Begriffen der Reise und des Spaziergangs entgegenstellt.1

Das Umherschweifen hatte den Zweck, das Diktat des Spektakels zu durchbrechen. Darum ging es den Situationisten grundsätzlich. Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. Es ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm2, schrieb Debord in seinem einflussreichen Pamphlet Die Gesellschaft des Spektakles aus dem Jahr 1967, das, ganz dem situationistischen Grundsatz gemäß, wissentlich geschrieben wurde in der Absicht, der Gesellschaft des Spektakels zu schaden.3 Die massenmediale Rundumberieselung genauso wie die architektonische Inszenierung der modernen Städte wurden für die Situationisten allein vom Monopol des Spektakels bestimmt. Attila Kotányi und Raoul Vaneigm formulierten das 1961 in der Zeitschrift der S.I. so: Der Urbanismus kann mit einer Reklameausstellung für Coca-Cola verglichen werden: eine reine spektakuläre Ideologie. Der moderne Kapitalismus, der die Reduktion des gesamten sozialen Lebens auf das Spektakel organisiert, ist außerstande, ein anderes Spektakel zu geben als das unserer eigenen Entfremdung.4

Für den Medienphilosophen Frank Hartmann ist die Rede vom Spektakel der 1972 auseinander gegangenen S.I. durchaus kein Geschwätz von gestern. 2011 wurde er vom KRAUT-Magazin gefragt, was er aktuell von der Möglichkeit kritischer Aufklärung durch Fotojournalismus hält, und antwortete: Ich spreche den im medialen System involvierten Individuen nicht die Absicht ab, kritisch aufklären zu wollen. Aber sie sind chancenlos, dieses System ist als Spektakel angelegt, ganz im Sinne Guy Debords, dessen Ansatz hier immer noch zeitgemäß ist. Unsere sichtbare Welt ist geprägt von der Ästhetik amerikanischer Bildagenturen wie Corbis und Getty Images.5

Die S.I. nutzte die Okkupation also, wie gesagt, um die Diktatur des Spektakels zu durchbrechen. Die Situationisten besetzten und bespielten immer wieder öffentliche Plätze und Institutionen, konstruierten Situationen, wie sie es nannten, was zu allerlei Skandalen führte.6 Deshalb ist es naheliegend, dass sie als Vorläufer der Punk- und der 68er-Berwegung gesehen und offensichtliche Parallelen zur heutigen Occupy-Bewegung gezogen werden können. Aber allein bei dieser Art der Übernahme blieben sie nicht stehen. Besonders bei der Technik des Umherschweifens ging es ihnen vielmehr darum, die eigene Wahrnehmung zu okkupieren. Wenn die eigene Wahrnehmung durchs Spektakel fremdbestimmt ist, muss man sie selbstbestimmt zurückerobern, so die Logik, die dahinter steckt.

Aber wie geht das? Dazu gab Debord in seinem Fragment zur Theorie des Umherschweifens schon einige Hinweise: Eine oder mehrere das Umherschweifen experimentierende Personen verzichten für eine mehr oder weniger lange Zeit auf die ihnen im allgemeinen bekannten Bewegungs- bzw. Handlungsgründe, auf die ihnen eigenen Beziehungen, Arbeiten und Freizeitbeschäftigungen, um sich den Anregungen des Geländes und den ihm entsprechenden Begegnungen hinzugeben. Dazu habe man sich aber nicht einfach auf den Zufall zu verlassen, denn bei dem Versuch, ziel- und planlos herumzuirren würde man doch früher oder später nur auf seine alten, fremdbestimmten Wahrnehmungsgewohnheiten zurückfallen, was als trüber Misserfolg zu werten wäre. Man habe sich also einer selbstbestimmt erdachten Methode des Umherschweifens zu unterwerfen, um echt überraschende, vom Spektakel unkorrumpierte Beobachtungen anstellen zu können. Eine Methode, die Debord andeutet, ist die der möglichen Verabredung: Der Betreffende wird gebeten, sich zu einer bestimmten Stunde an einen ihm angegebenen Ort allein zu begeben. Er braucht nicht mehr die unangenehmen Verpflichtungen der gewöhnlichen Verabredung zu befolgen, da er auf niemanden warten muss. Da diese „mögliche Verabredung“ ihn aber unerwartet an einen Ort geführt hat, den er sowohl kennen als auch nicht kennen kann, betrachtet er die Umgebung aufmerksam.7

Eine neuere Methode des Umherschweifens, die einen zuverlässig überraschend an Orte führt, die einem sowohl bekannt als auch unbekannt vorkommen können, und die Wahrnehmung für aufmerksame Betrachtung frei macht, wurde vor etwa zehn Jahren von Wilfried Hou Je Bek8 entwickelt. Er nannte sie dot.walk. Diese Vorgabe entspricht einem Algorithmus und lässt sich auf ein einfaches Computerprogramm zurückführen: //Classic.walk; Repeat [1 st street left, 2 nd street right, 2 nd street left]. Das pchychogeografische Projekt »dot.walk« liefert eine Handlungsanweisung (Software) zur Benutzung einer Stadt (Hardware).9 Dass es zu echt denkwürdigen Wahrnehmungserlebnissen führt, nach einem Algorithmus durch die Stadt zu schweifen, zeigen die erhellenden Erfolge der vielen dot.walks, die Hou Je Bek international unternommen hat und die vielen Weiterschweifungen, die von davon inspiriert wurden.

Eine dieser psychogeografischen Weiterschweifungen des dot.walk fand a. 05.02.2009 in Düsseldorf statt. Im Rahmen eines Workshops zum Seminar Medienkunstmomente, das im am FB Design der FH Düsseldorf unter der Leitung von Thomas Goldstrasz stattfand, schweiften um die 80 Studentinnen und Studenten in kleinen Gruppen algorithmisch durch Düsseldorf und beschrieben die Situation an jeder Ecke, an der sie laut Algorithmus abzubiegen hatten, mit Hilfe von kombinierten und modifizierten Textfragmenten aus einer Textbausteinkartei.10 Wir nannten diesen Workshop W.A.S.T.E. - We All Silent await Text.Walk Experience.. Die Texte, die dabei entstanden sind, beweisen deutlich, dass unsere Wahrnehmungsgewohnheiten, ob oder inwieweit sie nun im Alltag vom Spektakel diktiert werden oder nicht, gründlich abgelegt wurden zugunsten der methodischen Übernahme eines konstruktiven Spielverhaltens der Beobachtung einer bekannten Stadt unter unbekannten Bedingungen. Nachzulesen ist unser erhellendes Ergebnis zum Beispiel in diesem Text zur Ecke Friedrich-Ebert-Str. / Worringer Str.:

5.2.2009, 10:52 Uhr. Also für uns sieht das aus wie eine Straßenszene, könnten uns aber auch irren. Vielleicht ist’s ja nur eine Fotografie einer Straßenszene. Verschwommen im Vordergrund, bedrohlich über dem Betrachter: ein Bahnhof. Im Hintergrund, Straßenbahnglocke. Der Zug ist eben eingefahren, das Volk strömt auf den Platz. T(11), Y(13)11

Man muss sich gar nicht mit der S.I., ihren Motivationen und Grundsätzen identifizieren, wenn man Lust verspürt, selbst umherzuschweifen. Man kann diese Methode einfach übernehmen, variieren, neue Verfahren des Dérive erfinden. Die Situationisten hielten nichts von Copyright und Credits. Sie haben ihre Texte freigegeben.12 Genauso freigegeben sind die Methoden der möglichen Verabredung, des dot.walk und des W.A.S.T.E. Also bitte, wenn Sie mögen: Occupy Umherschweifen! Es ist frei. // Thomas Goldstrasz

~~~ FUSZNOTEN ~~~

1 Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, SI-Revue Nr. 2,1958

2 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Edition Tiamat Berlin, 1996

3 So betonte es Debord ausdrücklich 1992 im Vorwort zur dritten französischen Auflage von Die Gesellschaft des Spektakels. Vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels (24.02.2012)

4 Attila Kotányi, Raoul Vaneigm, Elementarprogramm des Büros für einen Unitären Urbanismus, SI-Revue Nr. 6, 1961

5 Frank Hartmann, Die Betonung liegt auf künstlerischer Subjektivität, Kraut-Magazin Nr. 4, 2011

6 In den Texten der S.I. finden sich an vielen Stellen Hinweise auf Okkupationen durch die Situationisten. Auch die Heftigkeit, mit der sie mitunter dabei vorgegangen sind, schimmert in einigen Beiträgen durch; so zum Beispiel in Der Historiker Maitron (SI-Revue Nr. 12, 1968), worin eine Beschwerde Maitrons, er sei von den Situationisten regelrecht überfallen, er sei beschimpft und seine Wohnung verwüstet worden, kommentiert wird. Eine Dokumentation der zwölf Ausgaben der SI-Revue auf Deutsch findet sich im Internet unter: http://www.si-revue.de/

7 Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen aus: Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, a.a.O.

8 Wilfried Hou Je Bek ist das Pseudonym des Begründers des psychogeografischen Netzknotens socialfiction.org. Frei aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt bedeutet es so viel wie: Wilfried Halt Die Klappe. Hier geht es zu seinem aktuellen Blog: http://cryptoforest.blogspot.com. Isbs. sei an dieser Stelle auf seinen Eintrag Occupy as psychogeographic urbanism (vom 20.01.2012) hingewiesen, der die genannten Parallelen der S.I. zur Occupy-Bewegung explizit und ausführlich zieht, aber auch Unterschiede deutlich macht.

9 Tjark Ihmels, .walk, Medien Kunst Netz, ca. 2004, http://www.medienkunstnetz.de/werke/dot-walk (24.02.2012)

10 Die Idee, dot.walks mit Hilfe von modifizierten Textfragmenten aus einer Textkartei zu dokumentieren, geht auf die Ideengänge von Thomas Goldstrasz und Nick Grindell (2004) zurück. Vgl.: http://www.epram.org/ideengaenge

11 Die Signaturen T(11) und Y(13) verweisen auf die Karten der Textkartei, aus denen diese Beschreibung hergestellt wurde. Die gesamte, eigens für W.A.S.T.E. zusammengestellte Kartei kann als PDF unter http://www.tinyurl.com/wastekartei heruntergeladen werden (400 KB). Eine Google-Map mit Nachzeichnungen sämtlicher Text.Walks vom 05.02.2009 nebst benutzter Variationen des dot.walk Algorithmus und allen entstandenen Texten gibt es unter: http://www.tinyurl.com/wastemap

12 In jeder Ausgabe der Zeitschrift der S.I. stand der Hinweis: Alle in der SITUATIONISTISCHEN INTERNATIONALE veröffentlichten Texte dürfen frei und auch ohne Herkunftsangabe abgedruckt, übersetzt oder bearbeitet werden.

~~~ ENDE: FUSZNOTEN ~~~

/// Dieser Artikel erscheint demnächst in englischer Sprache in der Ausgabe Occupy! des Magazins 3DKOMM »»» Verwandter Artikel in diesem Blog: W.A.S.T.E. revisited.