September 11, 2013
Verhaltensmuster der Dinge

// über die Rauminstallationen von Iris Hamers

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Abb. Installation von Iris Hamers (2012)

Stoffe, Gläser, Geräte, Möbel, Töpfe, Pflanzen, Borken, Scheiben, Steine, Stummel, gelehnt, gedehnt, geklammert, geschichtet, überlagert, gerahmt, gehängt, gehüllt, verhüllt, geknickt, geknotet, in einen Raum, auf einen Boden, an eine Decke, an eine Wand, in einen Rahmen und über diesen Rahmen hinaus, arrangiert zu einem Muster, zu einem Muster aus Mustern, das sich verhält. So sieht es aus. Man wird irgendwie gezogen, irgendwo geführt, in eine Geschichte, eine Geschichte aus Geschichten, die einem erzählt: so verhalten sich die Dinge. Pass auf, schau zu!

Die Dinge, die Iris Hamers in einer Installation im Raum zu einem Muster arrangiert, in dem sie sich zueinander verhalten, haben mindestens vier Eigenschaften die sie miteinander verknüpft. Sie haben eine ursprüngliche Funktion, ein ursprüngliches Muster, einen ursprünglichen Ort und einen sozusagen natürlichen Zustand, der mehr oder weniger frisch erhalten oder bereits sozusagen von ihnen abgeblättert sein kann, wie bei diesem verbeulten gelben Plastikkanister, der so zerknautscht in einer Ecke liegt, dass er einem beinah eine Fratze schneidet. Nicht alle haben das alles in gleichem Maße, da werden unterschiedliche Gewichtungen und Durchdringungen von Eigenschaften auf andere so bezogen oder geschichtet, dass sie sich ineinander reihen oder gegeneinander stoßen können.

Da gibt es zum Beispiel eine aus hängenden Tüchern aufgespannte Ecke im Raum, die einen Raum im Raum eröffnet, der einen ganzen Schub von Assoziationen auslösen kann. Die Stoffe hängen übereinander, mit Wäscheklammern an einer Wäscheleine befestigt, und haben unterschiedliche industriell gefertigte Muster. Von der in rötlich bis orange getauchten Tropenlandschaft eines alten Wickelrocks über das verblassende blau und grau und grün einer Camouflageplane. Oder das in beige bis braun gehaltene quasigestrickte Quasiquadratmuster eines Bettbezugs, bis, über Eck gehängt, der schmale Streifen Nesselstoff mit über die Falten wehendem Gras, das, nicht ganz naturgemäß, in der Vertikalen wächst. Die Situation macht einen ärmlichen, beinah schmuddeligen Eindruck, sodass man sich vielleicht in erster Assoziation fragen könnte, wo denn die Matratze ist für den schwer verletzten Kindersoldaten in diesem nachgebauten Separee eines Behelfslazaretts aus irgendeinem vergessenen Krieg irgendwo in Afrika. Aber diese erste Assoziation geht fehl. Oder sie geht unter. Sie wird überlagert von einer weiteren Schicht von Dingen, die sich anders verhalten, die andere Räume eröffnen und mit anderen Gedanken spielen. Da ist noch dieser transparente blaue Stoff, hinter dem die Informationen eines grafischen Schulplakats schemenhaft zu erahnen sind. Oder der schmale Tisch mit der zu großen Tischdecke mit den vielen gardinenartig fallenden Falten und dem schwarzen Muster auf grünem Grund, das fast schon an eine Ritterrüstung mit Wappen erinnert. Oder dieser Plastikkanister, der in seiner Zerknautschtheit an eine Voodoomaske denken lässt. Verstärkt wird dieses Voodoo-Gedankenmuster durch die quadratische Platte, die davor liegt und auf der verschiedene Holzstöckchen unterschiedlicher Länge und Dicke nebeneinander gereiht liegen wie zu symbolischem Genbrauch bei einem archaischen Ritual. So stellt man sich in nächster Assoziation in diesem Raum eher jemanden vor, der tanzt, als jemanden, der stirbt. Und damit ist es nicht genug. Von da aus assoziiert man gerne weiter. Man gehe und man sehe selbst.

Iris Hamers begibt sich für ihre Arbeiten auf Reisen. Sie konfrontiert sich intensiv mit Städten oder Landstrichen und den Dingen, die sie dort findet. Sie sammelt oder sie kauft. Sie lässt sich von den Geschichten oder den Faszinationen leiten, die von den Dingen ausgehen, an ihren ursprünglichen Orten mit ihren ursprünglichen Mustern in ihrer ursprünglichen Funktion. Ihr Interesse fokussiert sich mehr und mehr, die Dinge beginnen, etwas von ihr zu wollen, sich zu ihr und zueinander zu verhalten. Im nächsten Arbeitsschritt macht sie sich mit ihrer Sammlung vertraut, sie breitet sie aus und sie umgibt sich mit ihr. Sie beginnt zu experimentieren, zu arrangieren und zu schauen, was sich wie verhält und was es wie erzählt, wenn es in leichter Schräglage zu seiner ursprünglichen Funktion in ein neues Muster gereiht wird und einen neuen Ort eröffnet.

Iris Hamers’ Installationen, die in Mimi Cries zu sehen sind, gehen auf einen Besuch der Ausstellung „Garden and Cosmos: The Royal Paintings of Jodhpur“ in London (2008), eine Reise nach Ghana (2011), sowie mehrere längere Aufenthalte in Istanbul (2012) zurück.

/// Erschienen im Katalog zur Ausstellung Mimi Cries von Iris Hamers und Jenny Theisen, 13.09. - 27.09.2013 The Box Düsseldorf

August 13, 2013
Bücherwürmer

// ein Ereignis

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Abb. Maja Hoffmann, Zeitfindling, in: Der Funke der Semantik

17:20 UHR, AUF DER RHEINTERRASSE EINES CAFÉS IN DÜSSELDORF. Es ist ein angenehmer Herbsttag, in goldgelbes Licht getaucht, das wie inszeniert mit dem Goldgelb des Herbstlaubs an den Bäumen korrespondiert. Es gibt ein wenig Wind, am Himmel gibt es ein paar weiße Federwölkchen. Die Frachtschiffe fahren gemütlich den Rhein entlang. Alle Tische auf der Terrasse des Cafés sind voll belegt. Die Menschen tragen farbenfroh luftige Freizeitkleidung. In der Luft liegt das Summen und Brummen der Gespräche. An einem Vierertisch sitzen zwei Männer. Einer, der ältere der beiden, trägt einen edlen Schal, einen Hut, eine beige Windjacke und eine elegante dunkelbraune Anzughose. Der andere ist komplett in schwarz gekleidet, schwarze Trekkingjacke, schwarze Handwerkerhose und Bergstiefel. Die beiden haben einen Stapel Bücher vor sich auf dem Tisch, aber weder Teller noch Gläser. Beide sitzen gebeugt über den Büchern, lesen hier und da eine Textstelle, weisen sich gegenseitig auf Textstellen hin, reichen sich Bücher herüber, nicken sich zu, lächeln manchmal und lachen ab und zu. Man hört Gesprächsfetzen, wie: »… dieser Text ist der Hammer …«, »… aber er hat die Neostrukturalisten doch etwas zu hart angegriffen, er hat beinahe einen Karnevalsverein daraus gemacht …«, »… das war doch Absicht. Er hat so getan, als hätte er ein dickes Brett vorm Kopf, damit wir die dünnen Bretter bemerken, die wir vor den Köpfen haben.« »Ja ja, es sind immer die dünnen Bretter, die man am schwierigsten vom Kopf kriegt.« Den Zusammenhang des Gesprächs verrauscht der Wind. Die Kellnerin tritt vor den Tisch und fragt: »Möchten die Herren etwas trinken?« Keiner der beiden reagiert. Sie sitzen über ihren Büchern vertieft in die Texte, nicken, lächeln, schweigen. Die Kellnerin wiederholt: »Darf ich den Herren etwas zu trinken bringen?« Keine Reaktion. Resigniert hebt die Kellnerin die Schultern, schüttelt leicht amüsiert den Kopf und geht. Die beiden lesen weiter, nicken sich weiter zu, reichen sich weitere Bücher herüber. Man hört Satzfragmente wie: »… diese beiden Autoren haben sich im wirklichen Leben überhaupt nicht gut verstanden.« »Och, das kann man so nicht sagen, irgendwie haben sie sich schon sehr gut verstanden, sie haben bloß nicht miteinander geredet …« Die restlichen Worte greift der Wind und trägt sie fort. Nach einigen Minuten kommt die Kellnerin zurück: »Darf ich den Herren jetzt etwas zu trinken bringen?« Der Mann mit dem Schal und dem Hut blickt auf: »Sind Sie schon einmal hier gewesen?« Die Kellnerin nickt: »Ja.« Der Mann antwortet: »Ach, entschuldigen Sie, das haben wir nicht bemerkt. So sind wir, wir Bücherwürmer. Wenn wir in den Büchern stecken, schauen wir nicht mehr heraus.« 17:40 UHR. tsz

/// In gekürzter Fassung erschienen in: Irmgard Sonnen (Hg.), Dieter Fuder - Der Funke der Semantik, Bramsche 2013

June 14, 2012
nimm mich, lies mich, lass mich frei

// Bücher in Bewegung im Interview

Abb. Der Mann im Fisch in der Bratpfanne. Releasefoto zur Freilassaktion in Kaufhäusern. Foto: buecherin_b

1. Was ist Bücher in Bewegung?

Bücher in Bewegung (buecherin_b) war ein Projekt mit BookCrossing, das im Rahmen eines Seminars zur Mediengeschichte und Medientheorie am Fachbereich Design der FH Düsseldorf während des Sommersemesters 2011 durchgeführt wurde.

Wir haben dafür 1.000 Bücher aus Antiquariaten gesammelt, diese Bücher mit eigens für das Projekt von uns neu gestalteten und neu getexteten Etiketten versehen, sie bei BookCrossing registriert und sie in fünf Schüben an fünf verschiedenen Ortstypen in Düsseldorf freigelassen.

i. Warteorte (Haltestellen, Wartezimmer …)
ii. Flanierorte (Parks, Einkaufszonen …)
iii. 25. Bücherbummel auf der Kö (vgl.)
iv. Kaufhäuser (Auslagen, Umkleidekabinen …)
v. Rheinpromenade (Paul-Lehr-Ufer)

Ein Webalbum mit unseren Etiketten, Screenshots und Releasefotos findet sich bei Picasa unter Buecherin_B Düsseldorf. Und bei Vimeo finden sich drei Videoclips zu unseren Aktionen: Nummer eins zu den Vorbereitungen, Nummer zwei zum Release in Kaufhäusern und Nummer drei zum Release beim Arbeitsamt.

Wir haben die Aktion mit einer kleinen Forschungsfrage verbunden: Bei welchem Typ von Orten kommt das meiste Feedback in Form von Journaleinträgen?

Dass Ortstypen einen Unterschied beim BookCrossing machen, war uns intuitiv klar. Aber bei unserer Prognose lagen wir dennoch daneben. Wir haben vermutet, dass der Release auf dem Bücherbummel das meiste Feedback einbringen würde, weil dort mit der größten Dichte von Bücherliebhabern zu rechnen war, gefolgt von den Warteorten, weil wir meinten, dass dort die größte Menge von frei umherschweifender Aufmerksamkeit auf die freigelassenen Bücher treffen würde.

Tatsächlich haben die Flanierorte prozentual das meiste Feedback eingebracht, gefolgt von den Warteorten, gefolgt von den Kaufhäusern. Der Bücherbummel brachte die wenigsten Journaleinträge.

Natürlich war das keine Studie, die allen wissenschaftlichen Standards genügte. Das wäre im Rahmen eines Seminars unmöglich gewesen und war auch nicht die Absicht. Ziel war es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie man präzise Fragen an die Mediengeschichte formulieren kann; und es war interessant, einmal einen empirischen Ansatz zu entwickeln innerhalb einer Disziplin, die normalerweise Texte befragt. Das Ergebnis unseres kleinen Experiments lieferte immerhin eine Ahnung der Richtung, in die man weiter fragen könnte.

2. Wer bist Du? Und wer sind die Teilnehmer?

Mein Name ist Thomas Goldstrasz. Ich bin Dozent für Medientheorie, Medienästhetik und Mediengeschichte am Fachbereich Design der FH Düsseldorf. Ich habe das Seminar geleitet und das Projekt initiiert.

Teilgenommen haben 48 Studentinnen und Studenten, größtenteils aus dem Bereich Kommunikationsdesign. Sie waren unterschiedlich weit fortgeschritten in ihrem Studium und von breit gefächerter Ausrichtung in ihren Interessenschwerpunkten.

3. Woher kam die Idee zu Bücher in Bewegung?

Die Idee zu Bücher in Bewegung kam mir unmittelbar, nachdem ich vor etwa einem Jahr ein BookCrossing-Buch in freier Wildbahn gefunden und mich mit der Plattform beschäftigt hatte.

Ich verbinde meine Theorieseminare immer mit einem praktischen Projekt, um die Lehrinhalte daran anschaulich zu machen. Oft - immer eigentlich - lerne ich dabei auch selbst viel Neues. Weil ich für das kommende Sommersemester ein Seminar zur Buch- und Archivgeschichte plante, lag es sofort nahe, dieses Seminar mit einem Projekt zu BookCrossing zu verbinden.

Bei BookCrossing versammeln sich viele Motive, die sich wie ein roter Faden in vielen Variationen durch die Buchgeschichte ziehen. Die Geste des Teilens von Büchern ist so alt, wie das Buch selbst. Die Idee, Bücher zu kategorisieren und zu adressieren hat eine lange Tradition in der Archivgeschichte. Globale, kollektive Aktivitäten mit einer diskursiven Onlineplattform zu verbinden, ist eine zeitgenössische Entwicklung in der Mediengeschichte. Schlussendlich kommt bei BookCrossing noch etwas hinzu, das ich noch nie in dieser Form in der Buchgeschichte beobachtet habe, sondern eher in der Geschichte der Flugblätter: Dass BookCrossing, die verteilte globale Bibliothek, isbs. in der „freie Wildbahn”-Variante mit großem Mut am Verschwinden eines großen Teils ihres Bestandes arbeitet.

Vielleicht liegt es an der Wandlung, die das Medium Buch zur Zeit durchläuft. Das elektronische Buch wird immer populärer und die allgegenwärtig schnelle Verfügbarkeit der Texte macht es nicht mehr so notwendig, ein privates Archiv zu Hause anzulegen. Das Weggeben eines gelesenen Buchs steigert die Freude am Erinnern und Wiederentdecken.

Vielleicht ist der Kauf eines Taschenbuchs aus Papier in einer Bahnhofsbücherei auf dem Weg, mit dem Kauf einer Kinokarte vergleichbar zu werden. Man zahlt einen verhältnismäßig erschwinglichen Betrag, erlebt eine Geschichte, lässt das Medium zurück - beispielsweise direkt im Zug - und erfreut sich nachher seiner Erinnerung und der Gespräche darüber…

4. Welche Erwartungen hattest Du in diesem Projekt?

Ich hatte die Erwartung, dass ich alle der oben genannten theoretischen Punkte an diesem Projekt gut werde festmachen können. Sie wurde deutlich übertroffen.

Der logistische und organisatorische Aufwand, der mit der Bewegung von Büchern einhergeht, den man im Abstrakten nur sehr schwer vermitteln kann, wurde hautnah von uns erlebt und mit großem Engagement bewältigt. Die Dynamik, die ein größeres Teamprojekt entwickelt, das aus mehreren Teilteams besteht, wurde mehr als deutlich. Niemand hat alles im Griff, niemand hat alles im Blick, nichts läuft genau so wie geplant und mit viel kreativer Energie, kontinuierlichem wie spontanem Einsatz und ein bisschen Glück wird das Ergebnis gut am Ende.

5. Wie wurde es von den Teilnehmern aufgenommen?

Es wurde in vieler Hinsicht sehr gut bis begeistert aufgenommen. Besonders gelobt wurde, dass die Verschiedenheit der einzelnen Teilteams die Verschiedenheit der Interessen und Talente der Seminarteilnehmer gut abgedeckt hat.

Etwas stillere Naturen, die sich bei Diskussionen zurückhalten, konnten sich bei der Konzeption einbringen. Leute, die sich gerne mit Texten beschäftigen, konnten an der Formulierung unserer Etiketten und Freilassnotizen feilen. Leute, die gerne Videos drehen, konnten sich in der Dokumentationsgruppe austoben usw. BookCrossing ist wirklich für sehr viele verschiedene Persönlichkeiten attraktiv.

Ich hatte nur einen Teilnehmer im Kurs, der BookCrossing langweilig und das „Herumrennen in der Stadt” nervig nannte, was mir nur zeigt, dass die Sache trotz der Vielseitigkeit ein klares Profil hat. Sobald etwas ein klares Profil hat, kann man auch klar dagegen gestimmt sein. Das gehört dazu.

6. Wie wurde das Freilassen von Büchern empfunden?

Den allermeisten hat es großen Spaß gemacht. Meine Designstudenten sind in aller Regel offen und experimentierfreudig, sodass sie sofort keinerlei Hemmungen hatten, sich auf diese Geste und deren Situationen einzulassen.

Obwohl wir nicht gerade schüchtern waren, z.B. indem wir Bücher unter die Auslagen von Kaufhäusern gejubelt haben, blieben Beschwerden oder überhaupt negative Reaktionen weitgehend aus. Das Freilassen von Büchern wird offensichtlich weitgehend als positive Geste wahrgenommen. Das zu erleben, war sehr schön.

7. Wie viele der Teilnehmer haben sich „anstecken lassen“?

Für Projekte mit Büchern braucht es Geduld. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Bücher sind das Marathonformat unter den Medien. Es braucht lange, sie zu schreiben, es braucht lange, sie zu lesen, und es braucht Zeit, bis sie Reaktionen hervorrufen, die man deutlich bewerten kann. Ich denke - oder hoffe - dass das Projekt viel mehr Leute viel nachhaltiger angesteckt hat, als ich es im Moment beurteilen kann.

Hier so viel, wie ich im Augenblick sagen kann: Etwa 25% der Teilnehmer haben BookCrossing eine tolle Sache genannt, die sie bisher nicht kannten und spannend finden. Etwa sieben Teilnehmer haben sich inzwischen ein eigenes Profil auf der Plattform angelegt. Ein Teilnehmer hat bereits damit begonnen, ein Projekt zu planen, bei dem er kollektive Gestaltung, BookCrossing und Geocashing verbinden will.

Das Projekt hat auch schon innerhalb der FH Düsseldorf jenseits des Seminars für Aufmerksamkeit gesorgt. Studenten eines anderen Kurses haben ein temporäres Bücherregal für Bücher zum Mitnehmen im Foyer der FH installiert und wurden dafür von uns mit Büchern beliefert, die wir übrig hatten. Wir haben nämlich einige hundert Bücher mehr als die geplanten 1.000 bei Antiquariaten eingesammelt. Leider wurden die Bücher für dieses Bücherregal nicht bei BookCrossing registriert, aus Zeitgründen; - das kann sich ändern, mit fortschreitender Ansteckung, mit der Zeit.

8. Das Top-Ereignis der ganzen Aktion war?

Das Projekt hat insgesamt so viele Highlights gehabt, dass es mir unmöglich ist, ein Top-Ereignis zu nennen. Also nenne ich zwei Highlights; eins lag am Beginn und eins in der Abschlussphase des Projekts.

Die Reaktion der Antiquariate auf unsere für unser Empfinden sehr dreiste Frage, ob man uns nicht 500 bis 1.000 Bücher für ein BookCrossing-Projekt schenken könne, hat uns schwer beeindruckt. Mit Freude an der Sache wurden wir eingeladen, in den Lagern zu stöbern und mitzunehmen, was wir wollten. Herzlichen Dank dafür noch einmal an dieser Stelle an die Antiquariate Wilde, Birkenstraße 48, 40233 Düsseldorf und Domain, Hakenstraße 10, 44139 Dortmund für die ergreifend großzügige Spende!

Zweitens haben wir uns darüber gefreut, dass Wyando, der umtriebige Maintainer der deutschen Supportsite bookcrossers.de und Autor des deutschen Bookcrossing-Blogs ballycumber.de, auf unser Projekt aufmerksam geworden ist, uns angeschrieben und angeboten hat, sich für ein Interview mit uns zu treffen. Vielen Dank dafür!

Die Fragen stelle Wyando.

/// Dieses Interview wurde am 16.09.2011 auf der Profilseite von Bücher in Bewegung (buecherin_b) bei BookCrossing veröffentlicht und für Umordnung leicht überarbeitet.

May 25, 2012
W.A.S.T.E. Revisited.Walk

// ein algorithmischer Textspaziergang mit BookCrossing kombiniert

Abb. ECKE 07. »Die fröhlichen Kinderspiele, die sich hier abgespielt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen.« Foto: Jan Mendzigall

W.A.S.T.E. Revisited.Walk (Textergebnisse). Datum: 10.05.2012. Start: 18:00 Uhr, Filmwerkstatt Düsseldorf. Algorithmus: wiederhole [2te links, 1te rechts, 2te links]. Beim Revisited.Walk wurde keine Textkartei zur Beschreibung der abgelaufenen Ecken mitgenommen, sondern bei BookCrossing registrierte Bücher. An jeder Ecke, an der laut Algorithmus abzubiegen war, wurde eins der Bücher freigelassen. Zur Beschreibung der Ecke wurde eine Textstelle aus dem dort freizulassenden Buch herausgesucht und entsprechend umgeschrieben. Hinter den Links mit den Buchtiteln verbirgt sich jeweils eine Freilassnotiz bei BookCrossing mit dem originalen Wortlaut der adaptierten Textstelle.

ECKE 01. BIRKENSTR. / WETTERSTR. 18:15 UHR. Die Baustelle bildete den Mittelpunkt der kleinen Kreuzung. Links war ein mit Jalousien verrammeltes Café, rechts befanden sich ein griechisches Schnellrestaurant, eine Trinkhalle und ein An- und Verkaufladen. Zwischen den Bauzäunen stand ein Bagger mit einer kolossalen Gabelstaplergabel herum. Alles sah spannungsgeladen und abwartend aus, überall lag der Anpfiff in der Luft. Am Schild einer Haltestelle wartete eine Mutter mit ihrem Kind auf die Straßenbahn in der Majestät ihrer erhabenen Fußballinteresselosigkeit, während auf der anderen Straßenseite eine Frau mit blauer Plastiktüte flüsternd in ihr Handy tratschte. 18:25 UHR. (Die Entdeckung des Himmels)

ECKE 02. WETTERSTR. / LINDENSTR. 18:27 UHR. Nach abgearbeiteter erster Ecke ließ sich das W.A.S.T.E.-Revisited-Team auf der Bank gegenüber der Kneipe Tönnchen nieder. Sie blätterten in Achtung! Vorurteile und sprachen über Gott und die Welt. Irgendwann landeten sie bei Fußball. Nicht ereifernd wie die Fans, eher akademisch, wie man bei einem Textspaziergang über anstehende Sportereignisse abstrahierend redet. Es ließ sich also nicht vermeiden, dass aus dem Munde eines W.A.S.T.E.-Mannes das Wort »1. FC Bayern München« auf die Pflastersteine fiel. Im Nu erstarb an den Biertischen gegenüber das Gespräch. Es wurde unheimlich still. 18:38 UHR. (Achtung! Vorurteile)

ECKE 03. LINDENSTR. / DOROTHEENSTR. 18:46 UHR. Ohne ihre Textvorlage wären sie hilflos gewesen. Auf dieser Kreuzung war alles Inspirierende weit zurückgedrängt worden. Als sie das bemerkten, wurde ihnen schummrig vor Augen. Sie öffneten das Buch und ließen ihre Stirnen auf den Text sinken. Schließlich richteten sie sich wieder auf und betrachteten erneut diese abgrundtief öde Kreuzung. Die obere Leiste des Werbeschilds der Grünen an dem Verteilerkasten wirkte wie ein günstiger Releaseort. Aber trotzdem waren die Anspielungen darin fantasielos und wenig erheiternd. 18:49 UHR. (Weil ich gern lese)

ECKE 04. DOROTHEENSTR. / GRAFENBERGER ALLEE. 18:54 UHR. Irgendwo wirbt ein graphisch explizites Plakat für Bikini Tops, die gerade 4,95 € kosten, eine Tüte eingeschweißter Fertigbaguettes liegt auf einem grünen Stadtmülleimer wie vergessen und nicht abgeholt, die Altglascontainer sind hier wie es aussieht von Sonnenschirmen der Deutschen Bank vor glaszersetzendem Elektrosmog geschützt. Im Haltestellenbereich der Straßenbahn befinden sich die Wartenden im Zustand ihrer alltäglichen Routine. W.A.S.T.E. ließ Sushi in Bombay auf dem Gepäckträger eines an Pollerketten angschlossenen Mietfahrrads frei, auf dem »I [Windmühle] Düsseldorf« steht. 19:00 UHR. (Sushi in Bombay)

ECKE 05. GRAFENBERGER ALLE / ACHENBACHSTR. 19:01 UHR. Wahrscheinlich wollten diese Häuser den modernen Zauber entfalten: verspielte Balkons, rundgestutze Baumkronen, viel Funktionalistisches und riesige posterartige Fensterscheiben mit ihren sehr eindrucksvollen Spiegelungen. Nach links schloss jemand ein Damenrad an einen Schildermast, in dessen Gepäckträgerkorb jetzt auch die Nürburg-Papiere freigelassen wurden. 19:06 UHR. (Die Nürburg-Papiere)

ECKE 06. ACHENBACHSTR. / SCHUMANNSTR. 19:14 UHR. Die Bäume schauten grün auf den Asphalt herab. Überall flogen Erinnerungen herum oder klebten in kleinen Andeutungen an den Fassaden. Ein  W.A.S.T.E.-Spaziergänger fing einen Fetzen auf. In diesem Fall ging es um eine ganz gewöhnliche Serie aus den 80ern. Aber die anderen wussten kaum etwas davon. Sie wurden nachdenklich. Wie wäre es, wenn sich jeder Wunsch einfach erfüllen würde und man dafür bloß auf sein Lachen verzichten müsste? Aber dann schlich sich eine andere Wahrnehmung ein. Wenn sie nicht das Fahrrad gesehen hätten, wäre Der Teufel holt sie alle niemals in diesem Gepäckträgerkorb gelandet. 19:17 UHR. (Der Teufel holt sie alle)

ECKE 07. SCHUMANNSTR. / UHLANDSTR. 19:23 UHR. Auf dem Hof regte sich nichts. Die fröhlichen Kinderspiele, die sich hier abgespielt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Geruch schöner Kindheitserinnerungen schlug ihm entgegen, als der den Spielplatz durch die Hecke betrat. Er stellte den einzigen Stuhl im Hof zurecht, um darauf die Kalte Hölle zu platzieren. Über ihm ragte die dicht mit Efeu bewachsene Häuserwand in den warmen Abendhimmel.  Während er den Geräuschen lauschte, malte er sich aus, wie es wohl gewesen wäre, in diesem Haus hier aufgewachsen zu sein. 19:29 UHR. (Kalte Hölle)

ECKE 08. UHLANDSTR. / GRAFENBERGER ALLEE. 19:32 UHR. Langsam kehrte das W.A.S.T.E.-Team zur Grafenberger Allee zurück. Das Fußballspiel war angepfiffen worden und selbst die große Kreuzung beinah menschenleer. Durch die Fenster der Häuser brauste Torjubel auf. Sie fanden sich an einem kleinen Fischrestaurant ein, wo sie sich draußen an einen ungedeckten Tisch setzten. Der Wirtin gefiel das nicht, und sie bat sie unfreundlich, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Sie brachte ihnen Bier und Wasser hinaus. Bei der Eingangstür des Restaurants stand ein kleines buntes Kinderkarussell. Oh, sagten sie, wenn wir doch darauf eine Runde drehen könnten! Wieder waren ihre Gedanken voller Kindheit. Sie saßen, tranken und unterhielten sich. Eine Stunde verging. Gegenüber gab die Konstruktion einer Fassade ihnen Rätsel auf, … 20:28 UHR. (Narziß und Goldmund)

ECKE 09. GRAFENBERGER ALLEE / BIRKENSTR. 20:28 UHR. Auch wenn das Design des Sofas, das an dieser Ecke stand, nicht dem Geschmack der W.A.S.T.E.-Truppe entsprach und die Altglascontainer die Atmosphäre zerbrachen, einer Wohnzimmerstimmung waren sie hier näher als irgendwo sonst in den Straßen von Düsseldorf. Sie setzten sich und blätterten in Zonenkinder, woraufhin die beiden Passantinnen sie lachend fragten, ob sie ihnen eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen vorbei bringen sollen, beinahe so, als seien sie ihre Mütter. 20:36 UHR. (Zonenkinder)

ECKE 10. BIRKENSTR. / ACKERSTR. 20:41 UHR. So deutlich sahen sie den tristen Vorhof des leerstehenden Hauses vor sich, dass sie ihn Stein für Stein beschreiben konnten.  Hinter die Fensterscheiben waren Plastikfolien geklebt, die Falten wie eine zerknautschte Lederjacke warfen, das Fenster daneben war undurchsichtig und so weiß wie Milch. Zerknülltes Papier, das etwas Müllartiges an sich hatte, lag verstreut umher. Ein niedriges Klinkermäuerchen trennte den von wilden Sträuchern umwucherten Platz von der Straße. Darauf platzierten sie das KiWi Lesebuch, das wie ein kleines Geschenk ins Auge sprang; es gab darin Geschichten, Gedichte, … 20:47 UHR. (Das KiWi Lesebuch)

ECKE 11. ACKERSTR. / LINDENSTR. 20:50 UHR. Das Café Pechmarie hatte noch Tische vor der Tür. Es gab rote Windlichter, Sitzkissen, nach Hopfen und Malz riechendes Tannzäpfle Bier, stilles Wasser oder Wasser das noch sprudelte, Wein, Schnaps, Cocktails, alle Arten von Salzgebäck, das für genüssliches Knabbern erforderlich war. … Dann führte der Algorithmus sie zu einem kleinen, hell erleuchteten Häuschen, das eine veraltende Kulturtechnik aufrecht erhielt. Vieles an dieser Telefonzelle war anrührend anachronistisch, doch hier und da gab es Argumente, sie nicht sofort abzureißen. Obwohl sie nach Smartphonemaßstäben nutzlos aussah, hob sie sich von der Umgebung ab, als sei sie der beste Ort für den Medicus. 21:32 UHR (Der Medicus)

ECKE 12. LINDENSTR. / WETTERSTR. 21:34 UHR. Inzwischen war ihnen diese Ecke so vertraut, dass sie sie sogar im Dunkeln sofort erkannten. Da war das Tönnchen und die Bank, auf der sie vor drei Stunden das Buch Achtung! Vorurteile freigelassen hatten, das jetzt nicht mehr da war, wodurch sie ihrer Meinung nach zum idealen Ort für den Abschluss des W.A.S.T.E. Revisited.Walks aussah; mit einer Hand legten sie Hell’s Kitchen auf die Bank und veröffentlichten die Releasenote mit der anderen. Sie gingen glücklich nach Hause, um den selten runden Verlauf ihres algorithmischen Spaziergangs für die Nachwelt festzuhalten. 21:38 UHR. (Hell’s Kitchen)

Informationen über die Ausstellung, die der Anlass für den W.A.S.T.E Revisited.Walk gewesen ist, sind bei Umordnung unter W.A.S.T.E. Revisited zu finden.

/// Diese Dokumentation wurde am 10.05.2012 mit 37 Abbildungen unter textwalk.posterous.com/pages/revisitedwalk ins Netz gestellt.

May 5, 2012
W.A.S.T.E. Revisited

// eine Dokumentation für die Ausstellung Video Site II - 04.05. bis 11.05.2012 in der Filmwerkstatt Düsseldorf

Abb. Die W.A.S.T.E. Kartei im Einsatz. Foto: Johannes Henseler

Am 05.02.2009 liefen 68 junge Leute algorithmisch durch Düsseldorf. Dabei haben sie jede Kreuzung, an der sie abgebogen sind, beschrieben, indem sie Textfragmente aus einer Textbausteinkartei kombinierten und durch das Austauschen einiger Wörter an die jeweilige Situation anpassten. Die entstandenen Texte wurden von Hand auf Postkarten festgehalten.

W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience - war ein Workshop im Rahmen des Seminars Medienkunstmomente (WS 08/09, FHD FB Design) unter der Leitung von Thomas Goldstrasz. Das Projekt wird für die Ausstellung Video Site II erstmals umfassend und nachvollziehbar dokumentert. Das bietet sich an, denn mit W.A.S.T.E. sind wir Dingen auf der Spur gewesen, die genau das Interesse von Video Site II treffen. Die algorithmischen Spaziergänge, die wir gelaufen sind, gehen auf die situationistische Technik des Umherschweifens zurück. Und mit dem Umherschweifen hatten die Situationisten nichts anderes im Sinn, als Strategien der Rückeroberung selbstbestimmteren Wahrnehmens und Erlebens städtischer Phänomene zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gerade nämlich, indem man sich selbstbestimmt einem Algorithmus unterwirft, um die Stadt zu durchwandern, gelingt es, sich von seinem alltäglichen Wahrnehmungstrott zu lösen und offen zu sein für neue Beobachtungen. Wenn man dann darüber hinaus dazu angehalten ist, Texte herzustellen, um die Beobachtungen festzuhalten, ist selbstbestimmtes Augen aufmachen geradezu vorprogrammiert…

W.A.S.T.E. war eine vielschichtige Aktion, weshalb sich die Dokumentation bei Posterous in verschiedene Themenbereiche gliedert, die sich nach den dort benutzten Tags sortieren lassen:

» W.A.S.T.E. Algorithmen erklärt die Art, wie spazieren gegangen wurde. Es wird die psychogeografische Umherschweiftechnik namens dot.walk vorgestellt und erklärt, wie wir sie eingesetzt haben.

» W.A.S.T.E. Kartei erklärt die halbautomatische Textherstellungskomponente des Projekts. Sie geht auf das Ideenmagazin von Heinrich von Kleist zurück. Wie? Das wird gezeigt.

» W.A.S.T.E. Probeläufe beschreiben unsere ersten Gehversuche, algorithmisch mit einer Textkartei spazieren zu gehen.

» W.A.S.T.E. Logo ist die Kategorie für unsere Hintergrundgeschichte und unsere formal postialischen Konventionen.

» W.A.S.E. Map dokumentiert den Weg, den wir am 05.02.2009 - mehr oder minder streng - algorithmisch zurückgelegt haben und wecken hoffentlich das Interesse, es einmal selber auszuprobieren.

» W.A.S.T.E. Texte führt zum Archiv unserer Stadt- und Situationsbeschreibungen, die wir mit Hilfe unserer Textkartei - mehr oder minder textgetreu - hergestellt haben.

Es ist nicht nötig, beim Stöbern in W.A.S.T.E. revisited eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, sich selbstbestimmt einen Weg durch diese Geschichte zu bahnen. Bitte schweifen Sie umher! // Thomas Goldstrasz

Einen Aufsatz über den situationistischen Hintergrund des algorithmischen Umherschweifens gibt es bei Umordnung unter: W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience.

/// W.A.S.T.E. revisited wurde am 04.05.2012 unter textwalk.posterous.com ins Netz gestellt. Anlass war die Ausstellung Video Site II in der Filmwerkstatt Düsseldorf.

March 8, 2012
W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience

// eine psychogeografische Okkupation der Stadt Düsseldorf mit textgenerativer Dokumentation

Abb. W.A.S.T.E. Weste mit W.A.S.T.E. Logo. Foto: Jan Bertil Meier

Ein bis heute nützliches und vielfach weiterentwickeltes Verfahren zur Okkupation einer Stadt wurde in den 1950er Jahren von den Situationisten in Paris entwickelt. Sie nannten es dérive; zu Deutsch: Umherschweifen. Guy Debord, einer der Begründer der Situationistischen Internationale (S.I.), beschrieb es in erster Annäherung in seinem Entwurf zur Theorie des Umherschweifens mit den Worten: Unter den verschiedenen situationistischen Verfahren ist das Umherschweifen eine Technik des eiligen Durchgangs durch abwechslungsreiche Umgebungen. Der Begriff des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was ihn in jeder Hinsicht den klassischen Begriffen der Reise und des Spaziergangs entgegenstellt.1

Das Umherschweifen hatte den Zweck, das Diktat des Spektakels zu durchbrechen. Darum ging es den Situationisten grundsätzlich. Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. Es ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm2, schrieb Debord in seinem einflussreichen Pamphlet Die Gesellschaft des Spektakles aus dem Jahr 1967, das, ganz dem situationistischen Grundsatz gemäß, wissentlich geschrieben wurde in der Absicht, der Gesellschaft des Spektakels zu schaden.3 Die massenmediale Rundumberieselung genauso wie die architektonische Inszenierung der modernen Städte wurden für die Situationisten allein vom Monopol des Spektakels bestimmt. Attila Kotányi und Raoul Vaneigm formulierten das 1961 in der Zeitschrift der S.I. so: Der Urbanismus kann mit einer Reklameausstellung für Coca-Cola verglichen werden: eine reine spektakuläre Ideologie. Der moderne Kapitalismus, der die Reduktion des gesamten sozialen Lebens auf das Spektakel organisiert, ist außerstande, ein anderes Spektakel zu geben als das unserer eigenen Entfremdung.4

Für den Medienphilosophen Frank Hartmann ist die Rede vom Spektakel der 1972 auseinander gegangenen S.I. durchaus kein Geschwätz von gestern. 2011 wurde er vom KRAUT-Magazin gefragt, was er aktuell von der Möglichkeit kritischer Aufklärung durch Fotojournalismus hält, und antwortete: Ich spreche den im medialen System involvierten Individuen nicht die Absicht ab, kritisch aufklären zu wollen. Aber sie sind chancenlos, dieses System ist als Spektakel angelegt, ganz im Sinne Guy Debords, dessen Ansatz hier immer noch zeitgemäß ist. Unsere sichtbare Welt ist geprägt von der Ästhetik amerikanischer Bildagenturen wie Corbis und Getty Images.5

Die S.I. nutzte die Okkupation also, wie gesagt, um die Diktatur des Spektakels zu durchbrechen. Die Situationisten besetzten und bespielten immer wieder öffentliche Plätze und Institutionen, konstruierten Situationen, wie sie es nannten, was zu allerlei Skandalen führte.6 Deshalb ist es naheliegend, dass sie als Vorläufer der Punk- und der 68er-Berwegung gesehen und offensichtliche Parallelen zur heutigen Occupy-Bewegung gezogen werden können. Aber allein bei dieser Art der Übernahme blieben sie nicht stehen. Besonders bei der Technik des Umherschweifens ging es ihnen vielmehr darum, die eigene Wahrnehmung zu okkupieren. Wenn die eigene Wahrnehmung durchs Spektakel fremdbestimmt ist, muss man sie selbstbestimmt zurückerobern, so die Logik, die dahinter steckt.

Aber wie geht das? Dazu gab Debord in seinem Fragment zur Theorie des Umherschweifens schon einige Hinweise: Eine oder mehrere das Umherschweifen experimentierende Personen verzichten für eine mehr oder weniger lange Zeit auf die ihnen im allgemeinen bekannten Bewegungs- bzw. Handlungsgründe, auf die ihnen eigenen Beziehungen, Arbeiten und Freizeitbeschäftigungen, um sich den Anregungen des Geländes und den ihm entsprechenden Begegnungen hinzugeben. Dazu habe man sich aber nicht einfach auf den Zufall zu verlassen, denn bei dem Versuch, ziel- und planlos herumzuirren würde man doch früher oder später nur auf seine alten, fremdbestimmten Wahrnehmungsgewohnheiten zurückfallen, was als trüber Misserfolg zu werten wäre. Man habe sich also einer selbstbestimmt erdachten Methode des Umherschweifens zu unterwerfen, um echt überraschende, vom Spektakel unkorrumpierte Beobachtungen anstellen zu können. Eine Methode, die Debord andeutet, ist die der möglichen Verabredung: Der Betreffende wird gebeten, sich zu einer bestimmten Stunde an einen ihm angegebenen Ort allein zu begeben. Er braucht nicht mehr die unangenehmen Verpflichtungen der gewöhnlichen Verabredung zu befolgen, da er auf niemanden warten muss. Da diese „mögliche Verabredung“ ihn aber unerwartet an einen Ort geführt hat, den er sowohl kennen als auch nicht kennen kann, betrachtet er die Umgebung aufmerksam.7

Eine neuere Methode des Umherschweifens, die einen zuverlässig überraschend an Orte führt, die einem sowohl bekannt als auch unbekannt vorkommen können, und die Wahrnehmung für aufmerksame Betrachtung frei macht, wurde vor etwa zehn Jahren von Wilfried Hou Je Bek8 entwickelt. Er nannte sie dot.walk. Diese Vorgabe entspricht einem Algorithmus und lässt sich auf ein einfaches Computerprogramm zurückführen: //Classic.walk; Repeat [1 st street left, 2 nd street right, 2 nd street left]. Das pchychogeografische Projekt »dot.walk« liefert eine Handlungsanweisung (Software) zur Benutzung einer Stadt (Hardware).9 Dass es zu echt denkwürdigen Wahrnehmungserlebnissen führt, nach einem Algorithmus durch die Stadt zu schweifen, zeigen die erhellenden Erfolge der vielen dot.walks, die Hou Je Bek international unternommen hat und die vielen Weiterschweifungen, die von davon inspiriert wurden.

Eine dieser psychogeografischen Weiterschweifungen des dot.walk fand a. 05.02.2009 in Düsseldorf statt. Im Rahmen eines Workshops zum Seminar Medienkunstmomente, das im am FB Design der FH Düsseldorf unter der Leitung von Thomas Goldstrasz stattfand, schweiften um die 80 Studentinnen und Studenten in kleinen Gruppen algorithmisch durch Düsseldorf und beschrieben die Situation an jeder Ecke, an der sie laut Algorithmus abzubiegen hatten, mit Hilfe von kombinierten und modifizierten Textfragmenten aus einer Textbausteinkartei.10 Wir nannten diesen Workshop W.A.S.T.E. - We All Silent await Text.Walk Experience.. Die Texte, die dabei entstanden sind, beweisen deutlich, dass unsere Wahrnehmungsgewohnheiten, ob oder inwieweit sie nun im Alltag vom Spektakel diktiert werden oder nicht, gründlich abgelegt wurden zugunsten der methodischen Übernahme eines konstruktiven Spielverhaltens der Beobachtung einer bekannten Stadt unter unbekannten Bedingungen. Nachzulesen ist unser erhellendes Ergebnis zum Beispiel in diesem Text zur Ecke Friedrich-Ebert-Str. / Worringer Str.:

5.2.2009, 10:52 Uhr. Also für uns sieht das aus wie eine Straßenszene, könnten uns aber auch irren. Vielleicht ist’s ja nur eine Fotografie einer Straßenszene. Verschwommen im Vordergrund, bedrohlich über dem Betrachter: ein Bahnhof. Im Hintergrund, Straßenbahnglocke. Der Zug ist eben eingefahren, das Volk strömt auf den Platz. T(11), Y(13)11

Man muss sich gar nicht mit der S.I., ihren Motivationen und Grundsätzen identifizieren, wenn man Lust verspürt, selbst umherzuschweifen. Man kann diese Methode einfach übernehmen, variieren, neue Verfahren des Dérive erfinden. Die Situationisten hielten nichts von Copyright und Credits. Sie haben ihre Texte freigegeben.12 Genauso freigegeben sind die Methoden der möglichen Verabredung, des dot.walk und des W.A.S.T.E. Also bitte, wenn Sie mögen: Occupy Umherschweifen! Es ist frei. // Thomas Goldstrasz

~~~ FUSZNOTEN ~~~

1 Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, SI-Revue Nr. 2,1958

2 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Edition Tiamat Berlin, 1996

3 So betonte es Debord ausdrücklich 1992 im Vorwort zur dritten französischen Auflage von Die Gesellschaft des Spektakels. Vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels (24.02.2012)

4 Attila Kotányi, Raoul Vaneigm, Elementarprogramm des Büros für einen Unitären Urbanismus, SI-Revue Nr. 6, 1961

5 Frank Hartmann, Die Betonung liegt auf künstlerischer Subjektivität, Kraut-Magazin Nr. 4, 2011

6 In den Texten der S.I. finden sich an vielen Stellen Hinweise auf Okkupationen durch die Situationisten. Auch die Heftigkeit, mit der sie mitunter dabei vorgegangen sind, schimmert in einigen Beiträgen durch; so zum Beispiel in Der Historiker Maitron (SI-Revue Nr. 12, 1968), worin eine Beschwerde Maitrons, er sei von den Situationisten regelrecht überfallen, er sei beschimpft und seine Wohnung verwüstet worden, kommentiert wird. Eine Dokumentation der zwölf Ausgaben der SI-Revue auf Deutsch findet sich im Internet unter: http://www.si-revue.de/

7 Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen aus: Guy Debord, Theorie des Umherschweifens, a.a.O.

8 Wilfried Hou Je Bek ist das Pseudonym des Begründers des psychogeografischen Netzknotens socialfiction.org. Frei aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt bedeutet es so viel wie: Wilfried Halt Die Klappe. Hier geht es zu seinem aktuellen Blog: http://cryptoforest.blogspot.com. Isbs. sei an dieser Stelle auf seinen Eintrag Occupy as psychogeographic urbanism (vom 20.01.2012) hingewiesen, der die genannten Parallelen der S.I. zur Occupy-Bewegung explizit und ausführlich zieht, aber auch Unterschiede deutlich macht.

9 Tjark Ihmels, .walk, Medien Kunst Netz, ca. 2004, http://www.medienkunstnetz.de/werke/dot-walk (24.02.2012)

10 Die Idee, dot.walks mit Hilfe von modifizierten Textfragmenten aus einer Textkartei zu dokumentieren, geht auf die Ideengänge von Thomas Goldstrasz und Nick Grindell (2004) zurück. Vgl.: http://www.epram.org/ideengaenge

11 Die Signaturen T(11) und Y(13) verweisen auf die Karten der Textkartei, aus denen diese Beschreibung hergestellt wurde. Die gesamte, eigens für W.A.S.T.E. zusammengestellte Kartei kann als PDF unter http://www.tinyurl.com/wastekartei heruntergeladen werden (400 KB). Eine Google-Map mit Nachzeichnungen sämtlicher Text.Walks vom 05.02.2009 nebst benutzter Variationen des dot.walk Algorithmus und allen entstandenen Texten gibt es unter: http://www.tinyurl.com/wastemap

12 In jeder Ausgabe der Zeitschrift der S.I. stand der Hinweis: Alle in der SITUATIONISTISCHEN INTERNATIONALE veröffentlichten Texte dürfen frei und auch ohne Herkunftsangabe abgedruckt, übersetzt oder bearbeitet werden.

~~~ ENDE: FUSZNOTEN ~~~

/// Dieser Artikel erscheint demnächst in englischer Sprache in der Ausgabe Occupy! des Magazins 3DKOMM »»» Verwandter Artikel in diesem Blog: W.A.S.T.E. revisited.