September 11, 2013
Verhaltensmuster der Dinge

// über die Rauminstallationen von Iris Hamers

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Abb. Installation von Iris Hamers (2012)

Stoffe, Gläser, Geräte, Möbel, Töpfe, Pflanzen, Borken, Scheiben, Steine, Stummel, gelehnt, gedehnt, geklammert, geschichtet, überlagert, gerahmt, gehängt, gehüllt, verhüllt, geknickt, geknotet, in einen Raum, auf einen Boden, an eine Decke, an eine Wand, in einen Rahmen und über diesen Rahmen hinaus, arrangiert zu einem Muster, zu einem Muster aus Mustern, das sich verhält. So sieht es aus. Man wird irgendwie gezogen, irgendwo geführt, in eine Geschichte, eine Geschichte aus Geschichten, die einem erzählt: so verhalten sich die Dinge. Pass auf, schau zu!

Die Dinge, die Iris Hamers in einer Installation im Raum zu einem Muster arrangiert, in dem sie sich zueinander verhalten, haben mindestens vier Eigenschaften die sie miteinander verknüpft. Sie haben eine ursprüngliche Funktion, ein ursprüngliches Muster, einen ursprünglichen Ort und einen sozusagen natürlichen Zustand, der mehr oder weniger frisch erhalten oder bereits sozusagen von ihnen abgeblättert sein kann, wie bei diesem verbeulten gelben Plastikkanister, der so zerknautscht in einer Ecke liegt, dass er einem beinah eine Fratze schneidet. Nicht alle haben das alles in gleichem Maße, da werden unterschiedliche Gewichtungen und Durchdringungen von Eigenschaften auf andere so bezogen oder geschichtet, dass sie sich ineinander reihen oder gegeneinander stoßen können.

Da gibt es zum Beispiel eine aus hängenden Tüchern aufgespannte Ecke im Raum, die einen Raum im Raum eröffnet, der einen ganzen Schub von Assoziationen auslösen kann. Die Stoffe hängen übereinander, mit Wäscheklammern an einer Wäscheleine befestigt, und haben unterschiedliche industriell gefertigte Muster. Von der in rötlich bis orange getauchten Tropenlandschaft eines alten Wickelrocks über das verblassende blau und grau und grün einer Camouflageplane. Oder das in beige bis braun gehaltene quasigestrickte Quasiquadratmuster eines Bettbezugs, bis, über Eck gehängt, der schmale Streifen Nesselstoff mit über die Falten wehendem Gras, das, nicht ganz naturgemäß, in der Vertikalen wächst. Die Situation macht einen ärmlichen, beinah schmuddeligen Eindruck, sodass man sich vielleicht in erster Assoziation fragen könnte, wo denn die Matratze ist für den schwer verletzten Kindersoldaten in diesem nachgebauten Separee eines Behelfslazaretts aus irgendeinem vergessenen Krieg irgendwo in Afrika. Aber diese erste Assoziation geht fehl. Oder sie geht unter. Sie wird überlagert von einer weiteren Schicht von Dingen, die sich anders verhalten, die andere Räume eröffnen und mit anderen Gedanken spielen. Da ist noch dieser transparente blaue Stoff, hinter dem die Informationen eines grafischen Schulplakats schemenhaft zu erahnen sind. Oder der schmale Tisch mit der zu großen Tischdecke mit den vielen gardinenartig fallenden Falten und dem schwarzen Muster auf grünem Grund, das fast schon an eine Ritterrüstung mit Wappen erinnert. Oder dieser Plastikkanister, der in seiner Zerknautschtheit an eine Voodoomaske denken lässt. Verstärkt wird dieses Voodoo-Gedankenmuster durch die quadratische Platte, die davor liegt und auf der verschiedene Holzstöckchen unterschiedlicher Länge und Dicke nebeneinander gereiht liegen wie zu symbolischem Genbrauch bei einem archaischen Ritual. So stellt man sich in nächster Assoziation in diesem Raum eher jemanden vor, der tanzt, als jemanden, der stirbt. Und damit ist es nicht genug. Von da aus assoziiert man gerne weiter. Man gehe und man sehe selbst.

Iris Hamers begibt sich für ihre Arbeiten auf Reisen. Sie konfrontiert sich intensiv mit Städten oder Landstrichen und den Dingen, die sie dort findet. Sie sammelt oder sie kauft. Sie lässt sich von den Geschichten oder den Faszinationen leiten, die von den Dingen ausgehen, an ihren ursprünglichen Orten mit ihren ursprünglichen Mustern in ihrer ursprünglichen Funktion. Ihr Interesse fokussiert sich mehr und mehr, die Dinge beginnen, etwas von ihr zu wollen, sich zu ihr und zueinander zu verhalten. Im nächsten Arbeitsschritt macht sie sich mit ihrer Sammlung vertraut, sie breitet sie aus und sie umgibt sich mit ihr. Sie beginnt zu experimentieren, zu arrangieren und zu schauen, was sich wie verhält und was es wie erzählt, wenn es in leichter Schräglage zu seiner ursprünglichen Funktion in ein neues Muster gereiht wird und einen neuen Ort eröffnet.

Iris Hamers’ Installationen, die in Mimi Cries zu sehen sind, gehen auf einen Besuch der Ausstellung „Garden and Cosmos: The Royal Paintings of Jodhpur“ in London (2008), eine Reise nach Ghana (2011), sowie mehrere längere Aufenthalte in Istanbul (2012) zurück.

/// Erschienen im Katalog zur Ausstellung Mimi Cries von Iris Hamers und Jenny Theisen, 13.09. - 27.09.2013 The Box Düsseldorf

May 5, 2012
W.A.S.T.E. Revisited

// eine Dokumentation für die Ausstellung Video Site II - 04.05. bis 11.05.2012 in der Filmwerkstatt Düsseldorf

Abb. Die W.A.S.T.E. Kartei im Einsatz. Foto: Johannes Henseler

Am 05.02.2009 liefen 68 junge Leute algorithmisch durch Düsseldorf. Dabei haben sie jede Kreuzung, an der sie abgebogen sind, beschrieben, indem sie Textfragmente aus einer Textbausteinkartei kombinierten und durch das Austauschen einiger Wörter an die jeweilige Situation anpassten. Die entstandenen Texte wurden von Hand auf Postkarten festgehalten.

W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience - war ein Workshop im Rahmen des Seminars Medienkunstmomente (WS 08/09, FHD FB Design) unter der Leitung von Thomas Goldstrasz. Das Projekt wird für die Ausstellung Video Site II erstmals umfassend und nachvollziehbar dokumentert. Das bietet sich an, denn mit W.A.S.T.E. sind wir Dingen auf der Spur gewesen, die genau das Interesse von Video Site II treffen. Die algorithmischen Spaziergänge, die wir gelaufen sind, gehen auf die situationistische Technik des Umherschweifens zurück. Und mit dem Umherschweifen hatten die Situationisten nichts anderes im Sinn, als Strategien der Rückeroberung selbstbestimmteren Wahrnehmens und Erlebens städtischer Phänomene zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gerade nämlich, indem man sich selbstbestimmt einem Algorithmus unterwirft, um die Stadt zu durchwandern, gelingt es, sich von seinem alltäglichen Wahrnehmungstrott zu lösen und offen zu sein für neue Beobachtungen. Wenn man dann darüber hinaus dazu angehalten ist, Texte herzustellen, um die Beobachtungen festzuhalten, ist selbstbestimmtes Augen aufmachen geradezu vorprogrammiert…

W.A.S.T.E. war eine vielschichtige Aktion, weshalb sich die Dokumentation bei Posterous in verschiedene Themenbereiche gliedert, die sich nach den dort benutzten Tags sortieren lassen:

» W.A.S.T.E. Algorithmen erklärt die Art, wie spazieren gegangen wurde. Es wird die psychogeografische Umherschweiftechnik namens dot.walk vorgestellt und erklärt, wie wir sie eingesetzt haben.

» W.A.S.T.E. Kartei erklärt die halbautomatische Textherstellungskomponente des Projekts. Sie geht auf das Ideenmagazin von Heinrich von Kleist zurück. Wie? Das wird gezeigt.

» W.A.S.T.E. Probeläufe beschreiben unsere ersten Gehversuche, algorithmisch mit einer Textkartei spazieren zu gehen.

» W.A.S.T.E. Logo ist die Kategorie für unsere Hintergrundgeschichte und unsere formal postialischen Konventionen.

» W.A.S.E. Map dokumentiert den Weg, den wir am 05.02.2009 - mehr oder minder streng - algorithmisch zurückgelegt haben und wecken hoffentlich das Interesse, es einmal selber auszuprobieren.

» W.A.S.T.E. Texte führt zum Archiv unserer Stadt- und Situationsbeschreibungen, die wir mit Hilfe unserer Textkartei - mehr oder minder textgetreu - hergestellt haben.

Es ist nicht nötig, beim Stöbern in W.A.S.T.E. revisited eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, sich selbstbestimmt einen Weg durch diese Geschichte zu bahnen. Bitte schweifen Sie umher! // Thomas Goldstrasz

Einen Aufsatz über den situationistischen Hintergrund des algorithmischen Umherschweifens gibt es bei Umordnung unter: W.A.S.T.E. - We Await Silent Text.Walk Experience.

/// W.A.S.T.E. revisited wurde am 04.05.2012 unter textwalk.posterous.com ins Netz gestellt. Anlass war die Ausstellung Video Site II in der Filmwerkstatt Düsseldorf.