November 3, 2011
Antiglamour

// der Beginn der Situationistischen Internationale und ihre Furcht vor der Vereinnahmung durch den Glamour

Abb. NE TRAVAILLEZ JAMAIS (ARBEITET NIE). Dieses Graffito stand um 1953 auf einer Fassade in Saint-Germain-des-Prés

Es ist reiner Zufall, dass der Beginn der ersten antiglamourösen Bewegung des massenmedialen Zeitalters wenigstens minimal dokumentiert wurde. Denn der Beginn der Situationistischen Internationale war eigentlich auf ein spurloses Verschwinden angelegt. Rein zufällig trieb sich der holländische Fotograf Ed van der Elsken um 1952 in Saint-Germain  -  des  - Prés Paris herum und fotografierte dort in einem Café namens Chez Moineau und um dieses Café herum das verstörende Treiben einer verstörenden Gruppe junger Leute. Das dürfte sogar nicht ganz ungefährlich gewesen sein, denn die größte Furcht dieser Gruppe war, vom Spektakel rekuperiert zu werden, wie ihr Cheftheoretiker Guy Debord die verheißungsvoll bilderstarke, massenmediale Berieselung des passiv konsumierenden Bürgertums später nannte. Es gibt keine radikale Geste, die die Ideologie nicht zu rekuperieren versucht, heißt es dazu einiges später in einem Text von Raoul Vaneigem, comicartig illustriert von André Bertrand. Und sie konnten durchaus radikal, das heißt handgreiflich werden, mit ihren Gesten, wenn sie eine Vereinnahmung durch das Spektakel, das nichts anderes als der Glamour ist, witterten.

Bald fragte ich mich nicht mehr, wovon diese Jungen und Mädchen lebten, so Ed van der Elsken. Meistens vom Organisieren, Betteln und Hungern, das mit Alkohol besänftigt wurde. Man stahl ab und zu, ließ sich aushalten oder handelte ein bisschen mit Rauschgift. Kam der Winter mit seiner Kälte, ließen manche sich einsperren. Man aß ein Stückchen Stangenbrot auf der Straße. Nachts stahl man Milchflaschen, die auf dem Bürgersteig vor den Milchläden standen. An der Place de l‘Odéon wurde schon für dreißig Francs eine Tüte Pommes Frites verkauft. Hatte man sich tagsüber ein bisschen betätigt, so konnte man sich abends für hundert Francs eine Boulette Garnie oder Spaghetti Levantin leisten. Für knapp sechzig Francs gab es einen Liter Wein. Man schlief im Café, auf einer Bank oder in einem Wagen, den jemand auf der Place de Saint Sulpice abgestellt hatte, im Aktualitätenkino oder im Metroschacht, bei der Heilsarmee oder auf der Polizeiwache. Wenn man eine Freundin hatte, leistete man sich ein Hotelzimmer. Sie trugen abgetragene, heruntergekommene, zerrissene Kleidung, die sie mit provokativen oder kryptischen, von den Lettristen inspirierten Parolen beschrieben. Sie färbten sich die Haare in kreischenden Farben. Waren permanent betrunken und berauscht. Alle Mittel sind uns recht, um sich zu vergessen: Selbstmord, Todesschmerzen, Drogen, Alkoholismus, Wahnsinn. Wie auch immer, lebend werden wir hier nicht herauskommen. So zogen sie trunken, schwankend, dreist durch Saint-Germain-des-Prés, provozierten die Passanten, die Angst vor ihnen hatten, legten sich mit der Polizei an, störten öffentliche Veranstaltungen und wurden dafür oft verhaftet, verurteilt und eingesperrt.

Viele dieser ersten Situationisten haben es tatsächlich geschafft, namentlich unbekannt zu bleiben. Einige von ihnen, heißt es, haben diesen jugendlichen, performativ gesellschaftskritischen Taumel tatsächlich nicht überlebt. Die Details ihrer Aktionen blieben größtenteils undokumentiert. — Andere haben mediale Spuren hinterlassen. Über den sogenannten Osterskandal vom April 1950 etwa berichteten die Pariser Tageszeitungen auf der ersten Seite. Da hatten sich vier der jungen Leute aus dem Umfeld des Café Moineau als Mönche verkleidet und zum Ostersonntag auf prominentem Platz, vor versammelter Glaubensgemeinschaft eine Rede gehalten: Heute, am Ostersonntag des heiligen Jahres, hier im Zeichen der Basilika der Notre Dame de Paris klage ich die universelle katholische Kirche an, die Welt mit ihrer moralischen Leiche zu verpesten, das Krebsgeschwür des zerfallenden Okzidents zu sein. In Wirklichkeit, sage ich euch: Gott ist tot! Uns kotzt die röchelnde Seichtheit eurer Predigten an, denn eure Predigten sind schmieriger Dünger für die Kriegsfelder Europas und so weiter. Sie wurden, nach zum Teil blutigen Attacken der Schweizergarde, wie berichtet wird, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Sie hatten Glück, dass sich einige der etablierten Intellektuellen Frankreichs, wie André Breton oder Maurice Nadeau, prompt lautstark und euphorisch für sie einsetzten, sodass sie, unter dem Vorwand, psychisch instabil und unzurechnungsfähig zu sein, alsbald wieder frei gelassen wurden.

Eine andere Gruppe wurde unter der Bezeichnung Plakatabreißer namentlich bekannt. Sie praktizierten etwas, das man heute Decollage nennen würde und nach wie vor urban in Mode ist. Sie legten die wie Palimpseste in Schichten übereinander geklebten Verheißungen des Glamours an den Fassaden unserer Städte ausrissweise frei, ratschten sie ab, damit sie sich in der Gestalt einer abstrakten Malerei aus Plakatpapier gegenseitig niederschreien, ohne noch etwas auszusagen. Um Spektakelfetzen hübsch gegeneinander auszuspielen. Zum Beispiel. Auch mit der fassadenverschönernden Weiterung, heute als Graffiti weithin berühmt und berüchtigt, haben die ersten Situationisten angefangen zu arbeiten. Die sehr berühmt gewordene Parole NE TRAVAILLEZ JAMAIS stand um 1953 in schräger Handschrift aus großen, kapitalen Lettern auf einer Mauer in Saint-Germain-des-Prés.

Natürlich hießen die Situationisten nicht von Anfang an Situationisten. Erst nach und nach entstanden die Texte, die das Programm dieser Bewegung auf den Begriff brachten. Die Provokationen der Gruppe, die sich ab 1957 die Situationistische Internationale nannte, bekamen mit Texten wie Vorbereitende Probleme zur Konstruktion einer Situation ein ausformuliertes Konzept. Es ging darum, Zusammentreffen von Personen herzustellen, die alle Beteiligten dazu bringen, aus dem Alltagstrott des passiven Medienkonsums herauszufinden und sich aktiv an der Inszenierung der eigenen Wahrnehmungsumgebung zu beteiligen. Der Text Theorie des Umherschweifens  brachte das trunkene Taumeln der Gruppe auf einen künstlerisch folgenreichen Punkt. Es wurde ein Verfahren vorgeschlagen, mit dem man beim Spazierengehen an Orte gelangt, an die man von alleine niemals gelangt wäre; immer mit dem Ziel, die Herrschaft des Spektakels zu durchbrechen und selbstbestimmt aktiv zu werden. Weitsichtige aktionskünstlerische Grundlagenkonzeptionen, die bis heute weiterverfolgt werden, wenn man an Flashmobs oder algorithmische Spaziergänge denkt.

Die folgende Geschichte der Situationistischen Internationale liest sich heute leicht wie eine deprimierende Geschichte des streitbaren Scheiterns. Permanent wurden Mitglieder ausgeschlossen, teilweise aus sehr schwer nachvollziehbaren Gründen, es gab aufreibende Grabenkämpfe, Zersplitterungen und Zersplitterungen von Zersplitterungen. Spätestens mit dem Selbstmord von Guy Debord, 1994, kann man die Sache an sich, wenn man möchte, für gescheitert erklären. Bloß kann man sie damit eigentlich gar nicht treffen, denn Scheitern war doch das Programm. Der Situationismus hat, um es in glamourösen Begriffen zu sagen, ungeheuer viel an fruchtbarer künstlerischer Grundlagenforschung betrieben, ohne selbst etwas zur Marktreife zu entwickeln.

In dem Roman Das fünfte Imperium von Viktor Pelewin, einem der ausführlichsten Texte über Glamour überhaupt, finden sich an einer Stelle die Sätze: Glamour ist ein schillerndes Spiel gegenstandsloser Bilder, die der Diskurs hervorbringt, während er im Feuer sexueller Erregung verdampft. Der Diskurs umrahmt den Glamour, ist für ihn eine edle Verpackung. Der Glamour verleiht dem Diskurs Vitalität, bewahrt ihn vor der Austrocknung. Betrachte den Glamour am besten als Diskurs des Körpers … und den Diskurs als Glamour des Geistes. An der Schnittstelle dieser beiden Begriffe entsteht die ganze moderne Kultur. An anderer Stelle findet sich darin der folgende, sehr verstörende Satz: Antiglamour ist auf dem besten Weg, die aussichtsreichste Beförderung des Glamours zu werden.

Das könnte ein Grund sein, warum es noch nicht einmal einen anständigen Wikipedia - Artikel zum Stichwort „Glamour“ gibt und warum „Antiglamour“ noch nicht einmal nennenswerte Google-Hits hat. Es geht um Gesten, die wir nicht artikulieren, sondern die wir vorführen. Und was wir sammeln, sind ihre Spuren. // Thomas Goldstrasz

Alle Zitate zur Situationistischen Internationale sowie die Abbildung stammen aus: Roberto Ohrt, Phantom Avantgarde: eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst, Edition Nautilus Hamburg, 1990. Der Roman Das fünfte Imperium von Viktor Pelewin ist 2009 bei Luchterhand München erschienen, das russische Original wurde 2006 unter dem Titel Empire V bei Eksmo Moskau veröffentlicht.

/// Erschienen in KRAUT Magazin #2 : ZEITGEIST UND GLAMOUR, Februar 2011