October 12, 2011
Alles war wieder ein Geheimnis

// Die Figur von Michael Köhlmeier als ikonischen Text für den anarchistischen Attentäter angeschaut

Abb. von links nach rechts. Drei anarchistische Attentäter: Luigi Lucheni, Gaetano Bresci, Leon Czolgosz. Drei islamistische Attentäter: Muaz bin Jabal, al-Zubair Abu Sajeda, Abu Dejena. Quelle: Internet, Public Domain. Bearbeitung: Jan Mendzigall

Von Attentätern gibt es in der Regel keine guten Fotos. Attentäter nehmen keine embedded Journalists mit auf ihren Weg. Sie begegnen uns als grobe Kopien von Bildern aus Familienalben, aus Zeitungsausrissen, aus Gefängniskarteien oder Ausweisdokumenten; beziehungsweise als Stills von Bekennervideos. Die Bilder sind voller Artefakte und voller Durchschnittlichkeit. Ein Bild dieser Qualität könnte jeder zu Hause von sich selbst herstellen.

Luigi Lucheni (22.04.1873 – 19.10.1910) erstach am 10. September 1898 die österreichische Kaiserin Elisabeth mit einer Feile. Gaetano Bresci (11.10.1869 – 22.05.1901) erschoss am 29. Juli 1900 König Umberto I. von Italien. Leon Czolgosz (1.1.1873 – 29.10.1901) schoss am 6. September 1901 auf den amerikanischen Präsidenten William McKinley, der acht Tage später an den Folgen der Schüsse starb. Diesen drei Attentätern vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist gemeinsam, dass sie aus einfachen bis sehr einfachen Verhältnissen kamen und als Arbeiter am eigenen Leib Armut, Unterdrückung und Gewalttätigkeiten der Polizei gegen protestierende Arbeiter erfahren haben; wie Hunderttausende andere auch, die nicht zu Attentätern wurden. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen, dass sie sich sich offen und stolz Anarchisten nannten. Alle drei ließen sich nach ihren Attentaten widerstandslos festnehmen. Sie bereuten nichts und unternahmen vor Gericht keinerlei Versuche, mildernde Umstände zu erwirken. Wenn sie auch nicht sofort bei ihren Attentaten ums Leben kamen, kann man ihre Morde wohl als indirekte Selbstmordattentate einordnen, denn ihnen wird klar gewesen sein, dass sie von ihrem Leben nachher nicht mehr allzuviel zu erwarten hatten. Lucheni erhängte sich in seiner Gefängniszelle mit einem Gürtel. Bresci wurde tot in seiner Zelle gefunden; offiziell Suizid, wahrscheinlicher ist jedoch, dass er von seinen Wächtern gelyncht wurde. Czolgosz erhielt die Todesstrafe und starb auf dem elektrischen Stuhl.

Muaz bin Jabal, al-Zubair Abu Sajeda und Abu Dejena bekannten sich zu den Selbstmordattentaten in Algier vom 11. April 2007 in Videos, die nach dem Anschlag im Internet verbreitet wurden. Bei diesen Anschlägen kamen Berichten zufolge 24 Menschen ums Leben und weit mehr als 80 wurden verletzt. Durch die islamistische Aufmachung ihrer Bekennervideos und das Netzumfeld, das sie verbreitete, wurden sie als algerische Veteranen des Irakkriegs und frisch rekrutierte Mitglieder der Gruppe Al-Qaeda Organisation in the Islamic Maghreb (AQIM) identifiziert, die vor kurzem aus der Gruppe Salafist Group for Preaching and Combat (GSPC) hervorgegangen war. Dieser nordafrikanische Arm des Terrornetzwerks Al-Kaida wurde 2007 sofort vom BND als äußerst gefährlich eingestuft; die Gruppe sei möglicherweise im Begriff, ihren Terror auf das europäische Festland auszudehnen. Über die persönlichen Lebensgeschichten dieser drei Attentäter vom Anfang des 21. Jahrhunderts ist im Augenblick mit einer einfachen Netzrecherche so gut wie nichts herauszufinden. Es bleibt abzuwarten, ob sich irgendwann jemand auf die Reise begibt, ihre Geschichten zu rekonstruieren, und ihnen einen ausführlichen Text widmet, in dem sie nacherzählt werden.

Mehr oder minder stark werden diese Erzählungen fiktionale Nachempfindungen sein. Denn wo die Dokumente Lücken haben, wo die Fotografien fehlen oder in die Irre führen, muss die künstlerische Phantasie einspringen. Wovon es keine zeitgenössischen ikonischen Bilder gibt, müssen sie im Nachhinein erfunden werden.

Michael Köhlmeier hat mit seinem Roman Die Figur (1986) ein ikonisches Bild des anarchistischen Attentäters geschrieben. Diese auf historischen Fakten beruhende fiktionale Nacherzählung der Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder arbeitet mit den Mitteln der Sprache ähnlich, wie ein Bild oder vielmehr eine Bilderfolge. Köhlmeier unterlässt darin konsequent alles, wofür die Sprache unser bestes Mittel ist. Explizit Vermutungen anstellen, Urteile abgeben, Erklärungen liefern, Verbindungen herstellen; all das tut er nicht.

Der erste Satz lautet: Am 29. Juli 1900 wurde in Monza der italienische König, Umberto I., erschossen. Kurz darauf folgt ein Bericht des Attentats: Der Mann schießt viermal. Drei Kugeln treffen: in den Hals, in die Brust, ins Schlüsselbein. Er lässt den Revolver fallen, steckt die Hände in die Hosentaschen. Er versucht nicht zu fliehen. Die Menschen durchbrechen die Absperrung. Sie werfen den Attentäter zu Boden, treten ihn. Die Bewaffneten halten sie vor dem Äußersten zurück. Der Wagen rast durch die Menge. Zwei Menschen werden verletzt. Bis zum Haupteingang der Villa Reale ist es nur eine kurze Strecke. Der Kutscher steht auf dem Bock. Mit der Peitsche schlägt er auf die Rücken der Pferde. Der König ist tot.

Bresci wird in eine Verhörzelle gebracht, er blutet. Beim Verhör folgendes: Die Männer lassen den Mörder nicht schlafen. Sie fragen, ob er trinken will. Er sagt, Milch. Er hat weder Geld bei sich, noch irgendwelche Dinge, die über seine Person Aufschluss geben könnten. Ein Fotograf baut in der Mitte des Raumes seine Kamera auf. Ein Beamter bringt Schwamm und Wasser. Das Blut soll aus dem Gesicht gewaschen werden. Der Mörder wehrt sich. Er deutet mit dem Kopf auf den Fotografen. »Er soll mich waschen.« Der Fotograf will dem Mörder des Königs keinen Schritt näher treten, als es für seine Arbeit nötig ist. Die Beamten haben ihre Anweisungen. Kein Blut darf auf der Fotografie zu sehen sein. Niemand soll ihnen vorwerfen können, hier würden Gefangene misshandelt. Sie geben Schwamm und Wasser weiter. Das ist ein Befehl. So wurde der Mörder des Königs von seinem Fotografen gewaschen.

Wo seine Bilder lügen müssen, wird der Fotograf zum Wäscher. Weiter. Journalisten tauchen auf. Sie bekommen keine Informationen. Sie erfinden etwas. Weiter. Ein berühmter, äußerst links gerichteter Rechtsanwalt, Dr. Filippo Casati, lehnt überraschend ab, Bresci zu verteidigen. Weiter. Eine Frau wird festgenommen. Sie wird über ihre Beziehung zum Königsmörder gefragt. »Ich war seine Geliebte.« Ihre linke Gesichtshälfte ist blutunterlaufen. Ein Finger ist gebrochen. Ihr Kleid, rot, riecht nach Schweiß. Die Haare strählt sie sich mit den Fingern nach hinten. In diesem Zustand kann man sie weder einem Fotografen, noch einem Reporter, noch einem Arzt zeigen. Rückblende: Fünf Monate vorher. In einer radikal lakonischen Kurzsatz-Protokollprosa zeichnet Köhlmeier nun das Leben Brescis in den Monaten vor dem Attentat nach.

Bresci besucht gemeinsam mit seiner Geliebten und einem Freund die geheime Zusammenkunft einer Anarchistengruppe in New York, die sich der gute, tapfere Verein nennt. Dort wird jemand erwählt, Umberto I. zu ermorden. Es ist Carboni Sperandino. Ein todtrauriger Mann und ein armer Hund. Doch Sperandino wagt es nicht. Er erschießt stattdessen den sadistischen Vorarbeiter der Weberei, in der er arbeitet. Anschließend erschießt sich selbst. Bei ihm findet man einen Abschiedsbrief, er habe es nicht gekonnt, und: lang lebe die Anarchie!

Nun fällt die Wahl auf Bresci. Er fährt mit seiner Geliebten und seinem Freund nach Marseille. Er bekommt zwei Verbindungsmänner des guten, tapferen Vereins, die ihm jeden Wunsch erfüllen sollen. Er bezieht ein Hotelzimmer. Seine Geliebte und der kränkelnde Freund bekommen ein Zimmer nebenan. Er ist düsterer Stimmung, redet nicht viel, verbringt die Tage mit Spazierengehen im Park. Er bekommt einen Revolver mit zwei Schachteln Patronen. Schließlich verlässt er seine Geliebte samt Freund. Er reist umher. Besucht seinen Bruder in Monza. Sie reden nicht viel. Besucht Dr. Casati in Mailand. Casati weiß, dass er den König töten soll. Dort begegnet ihm Dr. Casatis Frau, Laura Casati. Die beiden fahren nach Paris.

Die letzten zehn Tage vorm 29. Juli 1900 verbringt Gaetano Bresci mit Laura Casati in einem Hotelzimmer in Paris. Sie hausen dort wie die Tiere und treiben es wild. Ihre Körper passen zueinander und haben so viel Lust aufeinander, dass ihre Schultern und Hüften reißen, wenn sich Bauch und Brust vor Erschöpfung voneinander lösen, und sie haben so viel Lust aufeinander, dass sie sich noch im Schlaf zueinander hin bewegen und sich ihre Haut rötet. Sie wachen auf. Ihre Beine kleben aneinander. So gut passen ihre Körper zusammen, dass sie Mühe haben, sich voneinander zu trennen, als ihnen die Luft ausgeht. In der Bar unter ihrem Zimmer spielt ein Akkordeonspieler einen Tango. Bald ist man im Hotel das Hausen der beiden leid. Man wirft sie hinaus. Für Breco ist es Zeit. Er hat etwas zu tun.

Laura zieht zu ihrem Bruder. Von Bresci hört sie nichts mehr. Es ist vorbei. Aber eines Tages legte der Bruder die Zeitung auf den Tisch. »Er hat es getan«, sagte er. Auf der Titelseite: das Bild von Gaetano Bresci. Laura erkannte ihn nicht wieder. Sein Haar war anders. Seine Augen blickten, wie sie es nie gesehen hatte. Ihr Bruder schritt über den Teppich. Beim Zigarrenrauchen hob er den Ellbogen bis auf die Höhe der Schultern. »Er hat es getan«, wiederholte er. »Hat er ihn getroffen? Ist der König tot? Hat er geschossen?«, fragte sie. Der Bruder betrachtete seine Schwester. Sie saß, er stand. Und diese Frau hatte die Stimme eines Kindes. Sie drehte die Zeitung um, faltete die Hände zwischen den Knien. Alles, was in den vergangenen Tagen geredet worden war, galt nicht mehr. Alles war wieder ein Geheimnis. // Thomas Goldstrasz

Der Roman Die Figur: Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder von Michael Köhlmeier ist 1986 im Piper-Verlag München erschienen.

/// Erschienen in KRAUT Magazin #4 : FRONTLINE, Herbst 2011