October 10, 2011
Lichtmaschen

// zur Maschenmalerei von Elke Graalfs

Abb. Elke Graalfs, Zisch, Acryl & Öl auf Leinwand, 2005

Menschen ohne Maschen gibt es so gut wie gar nicht. Menschen ohne Maschen sind nackt. Man macht sich alltäglich gar nicht bewusst, wie viele Maschen man den ganzen Tag ganz beiläufig sieht. Man stellt sich normalerweise nicht auf eine belebte Kreuzung und sagt sich: Jetzt schaue ich hier einmal ganz frech, ganz bewusst den Paaren und Passanten, die mir vor die Augen treten, direkt auf die Maschen. So etwas, denkt man, macht man nicht. Nur Idioten, denkt man, würden so etwas machen. Wenn man sich alltäglich die Paare und Passanten, die einem vor die Augen treten, anguckt, dann guckt man ihnen recht eigentlich, ganz heimlich sofort durch die alltäglichen Maschen durch. Man richtet seinen Blick normalerweise sofort auf etwas anderes; auf etwas, das jenseits der Maschen liegt.

Elke Graalfs macht seit Jahren Maschen. Sie macht große Maschen und kleine Maschen. Feste Maschen und lockere Maschen. Maschen in Ruhe und Maschen in Bewegung. Nur der Stoff, aus dem sie ihre Maschen macht, ist nicht der ganz normale Maschenstoff. Ihre Maschen sind aus Farben. Aus Acryl und Öl. Sie malt mit ihren Maschen Bilder.

Wie man einen Pullover trägt: Man trägt einen Pullover zum ersten Mal, trägt eine Schicht ab, hängt ihn in den Schrank, holt ihn wieder heraus, trägt eine zweite Schicht ab und so weiter. Irgendwann bleibt er im Schrank hängen. Man hat ihn zu Ende getragen. Er ist fertig getragen. Würde man ihn weitertragen, man würde ihn tot tragen. Mit einem tot getragenen Pullover am Leib fühlt man sich normalerweise nicht besonders gut.

Sie malt ihre Maschenbilder so, wie man Pullover trägt. Nur anders herum. Sie malt mehrere Bilder parallel. Trägt eine Schicht auf, stellt das Bild beiseite, holt es wieder hervor, malt eine zweite Schicht darüber und so weiter.

Wenn man unsicher im Tragen von Pullovern ist, dann hat man Tage, an denen man Pullover trägt, die man an diesem Tag eigentlich nicht tragen sollte. Gute Tage sind das nicht. Zum Beispiel: Man trägt einen Pullover, der schon viel zu viel Geschichte hat, an einem Tag, an dem alles neu sein sollte. Ein Rendezvous mit jemand Neuem, bei dem man einen Pullover trägt, in dem man Urlaube lang, Berge, Strände, Täler, Wälder lang spazieren war, mit einem Anderen. Das kann kein guter Abend werden. Es sei denn, man setzt diesen förmlich vor Privatgeschichte strahlenden Pullover bewusst ein, um dem Abend insgeheim einen besonderen, einen privaten Touch zu geben. Wenn man so etwas machen kann, dann ist man Profi im Pullover tragen.

Irgendwann, zum Beispiel nach drei Schichten Acryl und fünf Schichten Öl, hat sie das Bild zu Ende gemalt. Es ist fertig gemalt. Würde sie daran weiter malen, sie würde es tot malen.

Jeder Mensch sollte sich darum bemühen, ein selbstbewusster und selbstkritischer Träger von Pullovern zu werden. Das ist eine existentielle Angelegenheit. Als unbewusster und unsicherer Träger von Pullovern hat man keine Chance, glücklich zu sein.

Ihrer Maschenmalerei liegt in aller Regel eine Fotografie zugrunde. Der Anfang eines Bildes großer Maschen in Ruhe: Elke Graalfs projiziert die Fotografie von einem wirklichen Pullover, den eine wirkliche Person in einem wirklichen Augenblick trägt, auf eine weiße Leinwand. Dann trägt sie mit einem breiten Borstenpinsel die erste Schicht auf. Flecken oder breite Bahnen; Grundstruktur, Vorgerüst und Schatten aus Acryl. Anschließend folgen, mit der Katzenzunge aufgetragen, Ölschichten im sich verdichtenden Maschenmuster. Sie intensivieren die Leuchtkraft ihrer Bilder. Sie versetzen ihre Farben in eine eindringliche, in sich turbulente Ruhe, die einen umfangen und einhüllen kann.

Folgende Farben wurden in Mutterland - einem großformatigen Gemälde (300x600 cm), das die Brust einer Frau zeigt, die den Pullover ihrer toten Mutter trägt - zu einem Bild verarbeitet: Acrylfarben für die Grundstruktur: Weiß, Neonorange, Vandyckbraun, Elfenbeinschwarz. Ölfarben für die circa sieben Farbschichten der Maschenmuster: Kadmiumgelb hell, Vanadiumgelb hell, Vanadiumgelb dunkel, Neapelgelb dunkel, Kadmiumorange, Chrome Orange, Zinnoberrot, Kadmiumrot hell, Kadmiumrot mittel, Kadmiumrot dunkel, Alizarin, Bourgondisch, Krappdunkel, Lasuroxyd Braun, Vandyckbraun, Elfenbeinschwarz.

Unseren Pullovern liegt natürlicher Weise ein Bild zugrunde. Ein Strickmuster. Das Bild in einem Katalog, vom Supermodel getragen, auf der Litfaßsäule. Ein Selbstbild. Eine ganze Bildergalerie liegt den Pullovern, die wir tragen, zugrunde. Über das Bild, das wir damit machen, wenn uns jemand durch die Maschen guckt, können wir natürlicher Weise nicht ganz selbst entscheiden. Aber wir können durch die Auswahl der Stoffe, Farben und Muster unserer Pullover den Blick durch unsre Maschen unter Vorzeichen setzen, die er schwerlich ignorieren kann.

Der Anfang eines Bildes kleiner Maschen in Bewegung: Elke Graalfs projiziert die Fotografie einer Landschaft oder einer Situation auf eine weiße Leinwand. Dann trägt sie mit einem mittelbreiten Borstenpinsel die erste Schicht auf. Umrisse oder Fluchtlinien; Grundrichtung und Orientierungspunkte aus Acryl. Anschließend folgen, mit dem Aquarellpinsel der Stärke drei und vier aufgetragen, Ölschichten im sich verdichtenden Maschenmuster. Sie intensivieren die Leuchtkraft ihrer Bilder. Sie versetzen ihre Farben in ein eindringliches, in sich turbulentes Licht, Schicht um Schicht, auf ihren Punkt.

Folgende Farben wurden in Crash - einem zweiteiligen Gemälde (je 95x120 cm), das eine  Landschaft zeigt, die aus dem fahrenden Zug aufgenommen wurde - zu einem Bild verarbeitet: Acrylfarben für die Grundstruktur: Weiß, Zitronengelb, Chromgelb, Neonorange, Chromoxyd Grün imitiert, Ocker, Vandyckbraun, Elfenbeinschwarz. Ölfarben für die Maschenmuster: Vanadiumgelb hell, Yellow Green, Helder Groen, Zinnober Grün Licht  extra, Zinkgrün hell, Kobaltdeckgrün, Chromgrün hell, Schweinfurter Grün, Veridian, Grüne Erde, Veroneser Grün, Chromgrün dunkel, Chromoxydrgün freurig, Warm Sepia  Extra, Lasur-Oxid-Rot, Byzantinischblau, Krappdunkel, Vandyckbraun, Atrament.

Eine Filmszene mit Pullover: Der Held steht im Dämmerlicht am Fester seines voll verglasten Penthouse Appartements und schaut auf das bewegte rot weiße Lichtspiel des nächtlichen Verkehrs im vierblättrigen Kleeblatt einer Autobahn Auffahrt. Es gibt eine doppelte Spiegelung. Die Bewegungen des Lichts spiegeln sich von außen in seinem Fenster, darüber legt sich, von innen gespiegelt, das bleiweiße Maschenmuster seines handgestrickten Rollkragenpullovers. // Thomas Goldstrasz

 /// Geschrieben für Elke Graalfs zur beliebigen Verwendung, Februar 2008